Lebt eigentlich Reinhard Bohse noch?

BohseLeider nein, denn Google hat Bohse für tot erklärt: »Reinhard Bohse beteiligte sich sein Leben lang in verschiedener Form an der intellektuellen Auseinandersetzung mit der DDR.« Müssen wir also um ihn trauern? Wahrscheinlich hat er diesen pathetischen Nachruf selbst verfasst: Bei einem geborenen Bürgerrechtler geht die Beteiligung an der intellektuellen Auseinandersetzung in verschiedener Form nämlich schon los, wenn er noch in den Windeln liegt.

Aber ach, er lebt noch! Mit dem großen Andersrum kam für den Sohn eines ebenso staatstreuen wie christlichen Elternhauses endlich die Erlösung von aller Mimikry. Dafür hatte er sich mächtig ins Zeug gelegt und gilt den Sachsen, nicht zuletzt den Heldenstädtern, in aller Ewigkeit als Ikone der Revolution. Während mancher seiner Mitstreiter im ganz neuen Deutschland auf der Strecke blieb, hat es der Reinhard geschafft. Von der Montagsdemo weg wurde er als Pressesprecher ins Leipziger Rathaus geholt und stadtbekannt. Kommunalwahlen kosteten ihn seinen schönen Sessel, doch der nächste stand bereit – bei den Leipziger Verkehrsbetrieben. Dort sitzt er heute noch. Und wenn er mal nicht dort sitzt, dann hat er sich für eine Veranstaltung buchen lassen, um seiner intellektuellen Auseinandersetzung mit der DDR als Zeitzeuge zu frönen. Es gelten folgende Konditionen: Anmeldung mindestens sechs Wochen vorher, Übernahme der Fahrt- und Übernachtungskosten, ein bescheidenes Honorar von 150 bis 200 Euro sowie eine »freundliche Kommunikation« – Bohse will keinen Zoff und keine kritischen Fragen, sondern angehimmelt werden.

Seine Intellektualität entfaltet Bohse nunmehr in der Auseinandersetzung mit Schwarzfahrern, »in verschiedener Form« natürlich. Er lässt Sprüche in die Bahnen kleben: »Herzklopfen von der ersten bis zur letzten Station kostet bei uns nur 40 Euro.« Oder: »Manche haben bargeldloses Ticketing einfach nur falsch verstanden.« Oder: »Wer bei uns an Glücksspiel glaubt, hat schon 40 Euro verloren « usw. Denn »Wir« sind zwar das Volk, aber ein bisschen kriminell sind wir eben doch.

Laura Stern

 

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