Kampfgebiet Berlin

Der Springer-Verlag will jetzt ein Regelwerk für seine Reporter in Krisen und Kriegsgebieten erlassen, und die Kollegen sind schon ganz aufgeregt. Wird die Teilnahme am Sektempfang nach den Auftritten des Verteidigungsministers in Masar-i Scharif verboten? Bleiben Homestories mit der Ministergattin prinzipiell erlaubt?

Ich frage mich, ob man solche Regeln überhaupt braucht. Unruheregionen sind doch vergleichsweise übersichtlich. Auf der einen Seite gibt es den Feind, den Taliban, den renitenten Ausländer und auf der anderen Seite unsere freundlichen NATO-Jungs, die ein paar Kilometer hinter der Front auf Scheunen schießen, um uns Journalisten gute Bilder zu ermöglichen.

Wie verworren ist dagegen die Lage im Kampfgebiet Berlin! Neulich hörte ich von einem befreundeten älteren Kollegen, dass ihm jemand den Job streitig machte. Aber mit welchen Methoden! Jeden Morgen besprenkelte sein Büronachbar die Hose meines Freundes im Schrittbereich mit Wasser. Danach schubste er ihn über den Flur, und Mitarbeiter machten abfällige Bemerkungen über den Schließmuskel des verdienten Kollegen. Lange hat der das nicht ausgehalten – nun habe ich seinen Job.

Da beschleicht einen schon das Gefühl, dass Splitterschutzwesten und Helme besser in Berliner Journalistenbüros verteilt werden sollten.

Außerdem ist der psychische Druck an der Heimatfront hoch. In den letzten Jahren habe ich mich mehrmals um Frauen kümmern müssen, deren Männer aus Krisengebieten berichteten. Sie waren verängstigt, einsam und benötigten menschliche Zuwendung. Sie waren oft am Boden, wenn ich kam. Schon aus Verantwortung ihnen gegenüber werde ich nicht als Reporter ins Kriegsgebiet gehen, auch wenn ein Panzer mir prima stehen würde.

Atze Svoboda

 

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