Fukushima, mon amour - aus Heft 5/2011

glklEs war ein Fanal: »Wir können uns das nicht länger untätig mit ansehen «, sagte Jürgen Großmann Anfang April 2011 auf der legendären Pressekonferenz, die dem seit Beginn des Industriezeitalters zweifellos spektakulärsten persönlichen Einsatz deutscher Wirtschaftskapitäne vorausging. »Da in Fukushima riskieren Unschuldige ihr Leben, während wir, die Schuldigen, hier ganz gemütlich Däumchen drehen. Das darf nicht sein! Als Vorstandsvorsitzender der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke habe ich nicht schlecht an der Atomkraft verdient. Wie jedermann bei Wikipedia nachlesen kann, wird mein Privatvermögen auf rund 1,35 Milliarden Euro beziffert, und das ist noch untertrieben. Aber jetzt schlägt meine Stunde!«

05-11glueckEs war ein Fanal: »Wir können uns das nicht länger untätig mit ansehen «, sagte Jürgen Großmann Anfang April 2011 auf der legendären Pressekonferenz, die dem seit Beginn des Industriezeitalters zweifellos spektakulärsten persönlichen Einsatz deutscher Wirtschaftskapitäne vorausging. »Da in Fukushima riskieren Unschuldige ihr Leben, während wir, die Schuldigen, hier ganz gemütlich Däumchen drehen. Das darf nicht sein! Als Vorstandsvorsitzender der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke habe ich nicht schlecht an der Atomkraft verdient. Wie jedermann bei Wikipedia nachlesen kann, wird mein Privatvermögen auf rund 1,35 Milliarden Euro beziffert, und das ist noch untertrieben. Aber jetzt schlägt meine Stunde!«

Sprach’s und brach noch in derselben Nacht mit seinem Privatjet nach Japan auf. Mit an Bord: Hans- Peter Villis, Vorstandschef des Stromgiganten EnBW, Johannes Theyssen, Führungskraft des Konkurrenzunternehmens e.on, und Tuomo Hatakka, seines Zeichens Boss von Vattenfall Europe und Senior Executive Vice President der Vattenfall AB, sowie die Aufsichtsräte Manfred Schneider, Ulrich Hartmann und Claus-Dieter Hoffmann. Ihr Ziel: Fukushima. Ihre Mission: Rettung des Planeten Erde. Ihre Waffe: Kühlwasser. Ihre Wegzehrung: Jodtabletten und Cointreau. Ihr Motto: »Germans to the front!« Ihre Überlebenschance: Null.

Bereits um 3:07 Uhr Ortszeit durchbrach der Jet die Wolkendecke über dem Unfallort, touchierte bei der Landung einen Kühlturm und kam mit rauchenden Reifen zum Stehen. Die Söhne Nippons staunten nicht schlecht, als sie die acht todesmutigen Langnasen aus dem Cockpit klettern sahen.
»Platz da!«, schnaubte Großmann und verscheuchte eine eilends herbeigetrommelte Delegation von Geishas, die den Überraschungsbesuchern aus dem Abendland die Ankunft versüßen sollte. »Alles hört auf mein Kommando! Stillgestanden! Theyssen?« »Hier!«
»Villis?«
»Hier!«
»Hatakka?«
»Hier!«
»Rührt euch. Theyssen – Ihr Strahlenschutzanzug müsste mal in die Reinigung. Aber das verschieben wir auf später. Villis! Hab ich was von Zittern gesagt?« »Nein!« »Na, dann hören Sie gefälligst auf mit dem Gezitter!« »Jawohl!« »Oder sollen die Japse uns etwa für Flaschen halten?«
»Nein!« »Na also. Hatakka!«
»Hier!«
»Sie holen das Kühlwasser. Theyssen, Villis, ihr besorgt uns Eiswürfel! Hopp, hopp, hopp! Los geht’s, ihr faulen Säcke! Und ihr andern da – wie heißt ihr noch mal?«
»Hartmann!«
»Hoffmann!«
»Funktionieren eure Geigerzähler? Ja? Dann ab mit euch in den Reaktorblock! Ich möchte wissen, wie viel Millirem wir zu erwarten haben! Schneider!«
»Hier, mein Führer!«
»Helfen Sie mir auf die Sprünge: Radioaktive Strahlung wird doch in Millirem gemessen, oder nicht?«
»Äh ... ich glaube schon ...«
»Was soll das heißen? Wissen Sie das etwa nicht?«
»Also, um ehrlich zu sein ... für die technische Seite der Stromerzeugung bin ich als Vorsitzender des RWE-Aufsichtsrats nicht direkt zuständig ...«
»Aber Sie werden mir doch wohl sagen können, ob man diese verdammte Strahlung in Millirem misst!«
»Nageln Sie mich bitte nicht darauf fest, aber ich würde mal tippen, dass das richtig ist. Mit diesen Millirem. «
»Und ab wie viel Millirem muss man dran glauben?«
»Verzeihung?«
»Hören Sie schlecht? Sie sollen mir verraten, welche Strahlendosis tödlich ist! Aber ’n bisschen dalli!«
»Das ... ähm ... das ist ein Faktor, der außerhalb meiner Kernkompetenz liegt.«
»Was soll das bedeuten, Schneider?«
»Ich verstehe davon nichts.«
»Das ist doch wohl die Höhe! Und Sie wollen Aufsichtsratsvorsitzender von RWE sein?«
»Das ist ... äh ... insoweit richtig, ja.«
»Und Sie verstehen nichts von Atomkraft? «
»Das habe ich nicht gesagt. Ich verstehe eine ganze Menge davon, wie man Kernenergie ökonomisch nutzbar macht. Wissen Sie, meine Mutter hat immer gesagt, wenn wir dem Manfred, also mir, das BWL-Studium finanzieren, dann wird er irgendwann mal ganz groß rauskommen, obwohl er ja zwei linke Hände hat, und siehe da, nach acht Semestern ...«
»Schneider!«
»Jawohl!«
»Vergessen Sie Ihre Mutter.«
»Jawohl!«
»Für immer!«
»Jawohl!«
»Begraben Sie die Erinnerung an Ihre Mutter so tief in sich, dass niemals wieder etwas davon zum Vorschein kommt!«
»Jawohl!«
»Das freut mich. Sie marschieren jetzt durch die Absperrung und legen sich auf die Brennstäbe, die da am Qualmen sind. Dann werden wir ja sehen, wie lange man das überlebt.«
»Jawohl! Darf ich Ihnen vorher noch eine Frage stellen?«
»Hat es was mit Ihrer Mutter zu tun?«
»Nein!«
»Gut. Schießen Sie los.«
»Sie sind doch Vorstands vor sitzen - der von RWE.«
»Ja, und?«
»Dann müssten Sie doch wohl auch selbst ein bisschen was von Kernenergie verstehen ...«
»Blödsinn. Dafür haben wir unsere Ingenieure! Was ich habe, das sind Führungsqualitäten. Und jetzt Schluss mit dem Gequatsche! Machen Sie ’n Abgang, Schneider! Rauf auf die Brennstäbe! Und ihr andern – hergehört! Mir nach! Kühlwasser marsch!«

Voller Anteilnahme und Bewunderung verfolgten gefühlte 8,2 Milliarden Menschen an den Bildschirmen die Direktübertragung vom heldenhaften Einsatz der Crème de la Crème des europäischen Atomenergie-Adels: Während der Aufsichtsratsvorsitzende Schneider sich auf die 2 800 Grad heißen Brennstäbe stürzte und in einer wunderschönen Stichflamme verpuffte, sah man den Rest des Himmelfahrtskommandos noch einige Minuten lang mit Wassereimern, Gießkannen und Kühlaggregaten hantieren – zunächst noch höchst betriebsam und draufgängerisch; bald jedoch schon merklich fahriger und scheint’s auch desorientiert: Das Leben in den klimatisierten Vorstandsetagen hatte die Herren nicht hinreichend auf ihre Handlangerdienste vorbereitet.

»Unser Opfertod ist nicht umsonst! «, rief Jürgen Großmann aus, bevor ihm der Eiswürfelshaker aus den Händen glitt. Für immer. Auf allen fünf Kontinenten breitete sich Betroffenheit aus. Doch dann ging es wie ein Lauffeuer um die Welt: »Fukushima, mon amour! Wir kommen! «

Unter den Atomkraft-Lobbyisten, die dem Beispiel folgen wollten, stachen die Politiker Rainer Brüderle und Stefan Mappus durch besondere Verwegenheit hervor: Sie charterten einen japanischen Tiefflieger, ließen sich bis obenhin mit eisgekühlter Cola vollaufen und sprangen so exakt über der Unfallstelle ab, dass sie beide, unten angekommen, auf den zischenden Brennelementen zerschellten.

Angesichts dieser live übertragenen Bilder wuchtete sich der Altkanzler Helmut Kohl – auch er zeitlebens ein Verfechter der Atomkraft – aus dem heimischen Fernsehsessel empor und rief den greisen Amtskollegen Helmut Schmidt in Hamburg an, um sich zu erkundigen, ob es nicht an der Zeit sei, über die Parteigrenzen hinweg ein Zeichen der Versöhnung mit der Anti-Atomkraft-Bewegung zu setzen, das zugleich ein Zeichen der Reue über die Unverfrorenheit sei, mit welcher sowohl er, Helmut Kohl, als auch er, Helmut Schmidt, den Ausbau der Kernenergie trotz aller wohlbegründeten Warnungen vorangetrieben hätten und so weiter ...

Kurz und gut: So kam es, dass auch die zwei Altkanzler in Fukushima verglühten. Friede ihrer Asche.

Gerhard Henschel
Zeichnung: Gerhard Glück

 

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