Süßer Arier auf allen Territorien – aus Heft 5/2017

schweighoeferEr hat es geschafft, Matthias Schweighöfer ist das Gesicht von Krombacher Pils, bekanntlich »eine Perle der Natur«. Oh ja – das ist unser Matthias, wie wir ihn von hinten und von vorne gern haben: Porentief reines Lächeln, ein neckisches Leuchten, ja irrlichterndes Flackern in beiden Augen und diese goldenen Locken, die sich auch ganz brav scheiteln lassen. Jetzt könnte er sich entspannt ins Federbettchen kuscheln und schlechte Lieder schreiben. Aber er muss weiter, weiter …!

Dass »die dicke Matratze«, wie er von Freunden, Neidern und seiner Mutter hinter seinem Rücken genannt wurde, mal als cooler Typ mit Kumpels beim Fußballgucken Kronkorken knallen lässt, hätte damals in Chemnitz keiner geglaubt, als seine Welt noch eine sehr enge war. Im jungen Einheitsdeutschland, auf dem rostigen Spielplatz mit der russischen Restmunition, lachten sie über ihn, weil er im Rutschentunnel stecken blieb und nach Mama rief.

Er war einer von rund 28 Mädchen in seiner Klasse, hatte ein roséfarbenes Stiftetäschchen und war bemüht, nicht aufzufallen. Das war keine gute Zeit, denn den anderen wuchsen schon Brüste und manche hatte sogar schon einen festen Freund. »Der ausschlaggebende Moment kam mit 13, als ich auf der Eisbahn stand und mich jemand fragte: ›Sag mal, bist du ein Junge oder ein Mädchen?‹ Ich überlegte eine Weile. Und da wusste ich, es wird Zeit, etwas zu tun.« Da beschloss er, ein Megastar zu werden. Matthias Schweighöfer ist unumstritten einer der erfolgreichsten, lebenden deutschen Schauspieler, nach Til Schweiger, Walter Sittler und Hans Moser.

Er verkörpert alles, was die deutsche Seele liebt. Ein Gesicht wie ein Engel, arischer Engel – ein bisschen unwirklich und eben darum begehrenswert. Und ein reines, einfaches Gemüt. Nie wurde ein hinterfotziger Spruch über Kollegen von ihm bekannt (da ist ihm Til Schweiger weit voraus). Matthias ist einer, dem man alles verzeiht, auch wenn er einmal den Bedingungen entsprechend hart zur Sache gehen muss: Als er sich vor drei Jahren von seinem Mädel trennte (ganz soft, manch vergossne Zähre), um in der Hauptstadt endlich mal solo die Sau raus lassen zu können, brach für viele seiner Fans eine Welt zusammen. Unser Matthias? Der ist doch so ein Lieber!

Dass seine Freunde ihn für schwanzgesteuert halten könnten, das hat an ihm genagt! Er kehrte zurück in seinen Vierseitenhof im schönen Brandenburg und zeugte in einem Augenblick ohne Termine, begleitet von viel Aufrichtigkeit und Achtsamkeit, einen Sohn. Matthias Schweighöfer hatte es nicht leicht im Leben. Er wurde in Anklam geboren. Anklam – ein Name wie eine Daumenschraube. Wir wissen, was das heißt: Wöchnerinnenstation und Säuglingszimmer, Stillen nach Plan, Töpfchenzwang und Schokolade mit Rinderblut.

Matthias hatte doppelt Pech, seine Eltern sind beide Schauspieler und er ist Einzelkind. Oft, wenn die Eltern Vorstellung hatten, wurde er mitten im Flur unter der Lampe auf den nackten Dielenboden gesetzt. Da kann man ja nur Egomane oder Bettnässer werden, oder beides. Matthias hat es geschafft, das Bettnässen erfolgreich vor der Öffentlichkeit zu verbergen (wenn er bei Drehs im Hotel nächtigen musste, stand er oft die ganze Nacht am Fenster und memorierte seine Rolle, am Morgen zerwühlte er das Bett, damit das Zimmermädchen keinen Verdacht schöpfte.

Aber wahrscheinlich stimmt die Geschichte gar nicht.) Anstelle dessen entwickelte er eine öffentliche Bescheidenheit, die ihm mehr Schlagzeilen einbrachte, als er gehabt hätte, wenn er einen Raubmord begangen hätte. Sein Drang nach Aufmerksamkeit ist – bis heute, da ihm der Erfolg in den Mund wächst wie dem Winzer die prallen Trauben – unstillbar. Es begann mit einer ambitionierten Schulaufführung; die »Dreigroschenoper« und er als Mackie Messer. Dann huschte er mal bei Andreas Dresen durchs Bild, schaute »Dr. Frank, dem Arzt, dem die Frauen vertrauen« über die Schulter oder ließ sich in Krimiserien niedermetzeln.

Der junge Matthias war zu allem bereit. Und zu einigem fähig. Ein ungeheuer vielschichtiges OEuvre schmückt seine künstlerische Vita. Wenn man bedenkt, dass er im Grunde nur Schweighöfer spielen kann, ist das eine tolle Leistung der Besetzungsbüros. Mit Anfang 30 hatte er bereits alles abgeräumt, womit sich die Medienwelt feiert; die »Goldene Henne«, den »Hessischen Fernsehpreis « und den »Bambi«.

Vom einfühlsamen Teenager mit makelloser Haut wandelte sich Schweighöfer über die Jahre zum Spaßmacher mit Muttikomplex. Dafür kann er nichts, er sucht sich eben immer die falschen Freunde. Til Schweiger zwang ihn, in Strumpfhosen rumzuhampeln, Joko Winterscheidt benutzte ihn als Maskottchen – rumsitzen und lustig gucken, ohne Kohle – für seine »Halli Galli Show«. Der arme Matthias kann nicht Nein sagen, wenn ihn die coolen Jungs zum Spielen runterholen. Da lässt er sich ins Tor stellen, bis ihm die Fresse blutet. Aber damit ist jetzt Schluss.

Jetzt will er was Ernsthaftes machen. Dass er das kann, im Gegensatz zu seinen Kumpels, hat er schon oft bewiesen. Zum Beispiel als Marcel Reich-Ranicki, wofür er die »Goldene Kamera« erhielt. (Das ist schon was, auch wenn die Konkurrenz nach Harald Juhnkes Ableben keine wirkliche mehr war.) Matthias Schweighöfer ist, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen, ein wirklich hervorragender Schauspieler. Wenn er nur nicht so peinlich wäre …

Nun will er jedenfalls weg vom heiteren Bubenwitz mit Blankziehen und Socken im BH, hin zur Weltkarriere. Mit der Amazon-Serie »You Are Wanted«, der ersten und wahrscheinlich letzten deutschen, erobert er die Welt. Da draußen kann er ganz neu anfangen. Und zwar völlig allein. Schweighöfer produziert, führt Regie und rennt zwischendurch selbst vor die Kamera. Das kann nur schiefgehen, denken vom Kollektivglauben versaute Monotasker. Nein, das ist anscheinend genau das Richtige für den Matthias. Er muss vor seinen Kumpels nicht auf dicke Eier machen und am Ende bekommt er den Applaus ganz allein.

Die Serie wird »in über 200 Ländern und Territorien weltweit« zu sehen sein, behauptet die Amazon-PR-Abteilung. Was mit Territorien gemeint ist, will Amazon nicht verraten (wahrscheinlich die zwischen China, Japan und Australien umstrittenen unbewohnten Inseln). Oder der Mond. In der Antarktis, Ost-Timor und dem Tokelau-Atoll haben sich jedenfalls schon Schweighöferfanclubs gegründet, tragen Mädchen seine Lockenfrisur und imitiert Kinderspielzeug sein glockenhelles Lachen. Nordkorea und der Iran wollten erst mal abwarten, wie die erste Staffel läuft. Angeblich werde die Serie in englischer, französischer, italienischer und spanischer Synchronfassung verfügbar sein, teilte der Streamingdienst mit. Zusätzlich bietet Amazon Untertitel auf Portugiesisch, Hindi und Japanisch an.

Matthias Schweighöfer braucht unsere Anerkennung nicht mehr, er wird bald einer der bekanntesten Deutschen sein – er hat es nicht verdient, dass man seinen Namen in einem Atemzug mit Adolf Hitler und dem Rotkäppchen nennt. Aber seinen Ruhm kann man sich nicht aussuchen. Die typisch deutsche Neidkultur hat nicht nur Til Schweiger, sondern auch den Schweighöfer verprellt, so wie es schon der Riefenstahl, der Dietrich, der Schneider und der Klum ergangen ist.

Dieses Land ist zum Fürchten, es mag seine Besten nicht. Aber einen Matthias Schweighöfer wird man nicht so leicht los. Zu tief sitzt bei ihm die Angst, nicht gesehen zu werden, die auf den Dielen im Flur unter der Lampe wie ein schwarzes Monster in ihm gewachsen ist. Jetzt singt er auch noch. »Lachen Weinen Tanzen« heißt sein erstes Album und es geht um Liebe, Freundschaft und Schlafengehen. Deutscher Popschlager mit Charakter und Matthias am Klavier. Jawoll, man soll das anerkennen, nicht aus Mitleid, jedenfalls nicht nur.

Felice von Senkbeil
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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