Mittwoch, den 24. August 2011

meisterwerke

Meisterwerk

»Ich bin nicht gerne, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gerne, wo ich hinfahre«, schreibt Bertolt Brecht in seinem Gedicht Der Radwechsel. Mit dieser Problematik setzt sich diese Fax-Zeichnung intensiv auseinander. Sie wirft die Frage auf: Verfängt Brechts Hommage an das Da-, an das Hier-und-jetzt-Sein auch unter der Prämisse, dass einer ein festes Ziel vor Augen hat?

Intuitiv möchte man Brecht widersprechen, doch die leeren Zombie-Augen der Fernwehgeplagten deuten es an: Der große Mann und die kleine Frau sind blind für das Hier-und-Jetzt. Mit einem im übertragenen Sinn festen Ziel vor Augen gähnt in ihren Augenhöhlen das Nichts, wodurch sie ihr menschliches Antlitz verlieren. Ein festes Ziel zu haben heißt, sein Mensch-Sein aufgegeben zu haben. Eine verstörende Erkenntnis.

Unterstrichen wird diese kluge Einsicht durch das von der Frau vorgegebene Ziel. Was auch sollte ein Mensch mit mehr als Nichts im Kopf in Berlin wollen! Reisende, das wird deutlich, sind blind dafür, dass sie auf dieser Einbahnstraße, die das Leben ist, nie ans Ziel kommen werden. Denn die Autos, mögen sie auch gleich drei Windschutzscheiben haben, sind viel zu klein.

Für die zwei Sehnsüchtigen ist in dieser motorisierten Welt kein Platz, sie bleiben zurück. Die dunklen Schatten hinter den Lenkrädern werden auf ihren unergründlichen, schmalen Wegen ohne Gesellschaft dahinkurven. Und letztendlich auch Bertolt Brecht bleibt alleine auf seiner Da-Seins-Feier in dieser mit virtuoser Subtilität in Szene gesetzten Einsamkeit.

J. Kaiser

 

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