Journalistenpreise ...
Montag, den 23. Mai 2011

… sind eine feine Sache. Mir persönlich bedeuten sie aber nichts (wenn sie nicht mit Geld verbunden sind). Wenn der Türsteher vom Berghain mich mit »Ah, der Svoboda vom EULENSPIEGEL!« durchwinkt – das ist mir schönster Lohn.

Etwas anderes ist es mit dem Henri-Nannen-Journalistenpreis. Wer den kriegt, kann von sich sagen, dass er im deutschen Leit-Journalismus angekommen und noch nie mit einer schiefen oder missverständlichen Meinung aufgefallen ist. Und natürlich flockig schreiben kann. Henri Nannen war im Krieg ein begabter Propagandist für eine SS-Spezialeinheit und ist folgerichtig hochverehrt gestorben.

Kürzlich hat ein Kollege vom Spiegel (eine kleine Nummer dort) den Nannenpreis für ein Porträt über Horst Seehofer bekommen. Ich kenne Seehofer schon ein paar Jahre, war oft dabei, wenn er mit seiner damaligen Berliner Freundin schlief (in der kleinen Wohnung für Mitarbeiter des Bundestages, in der es immer nach Kamillentee roch, und seine gelb-karierten Hausschuhe unterm Klappbett standen). Und natürlich erinnere ich mich noch, wie im Krankenhaus Friedrichshain seine kleine Tochter geboren wurde – der Arzt war ziemlich fahrig, weil Seehofer und ich ihm im Nacken standen und jeden Handgriff an der Nabelschnur kontrollierten.

Nie wäre es mir allerdings eingefallen, darüber zu schreiben, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wäre! Der Kollege Pfister hat es anders gemacht. Er hat beschrieben, wie Seehofer im Keller seines Hauses mit der Eisenbahn spielt und unliebsame Politiker auf die Schienen legt. Aber er ist nie in Seehofers Unterwelt gewesen. Als er das gestanden hatte, haben sie ihm den Nannen-Preis wieder abgenommen, und er hat seine Phantasiegeschichte »szenische Rekonstruktion« genannt.

Nebenbei ist herausgekommen, dass das der Spiegel schon immer so macht … Nun könnte der zurückgegebene Preis natürlich an einen anderen, würdigeren verliehen werden, oder soll das schöne Geld verfallen? Beispielsweise könnte ich für die Leser des Stern schreiben, wie es sich anfühlt, in Fukushima auf dem Dach des Reaktors zu stehen, Wasser hineinzuschütten und bis über beide Ohren verstrahlt zu werden: Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht!

Wenn sich auf dieses Angebot hin der Stern nicht bei mir meldet, behalte ich die Story eben für mich – samt aller kräftigen szenisch rekonstruierten Details (z.B. Schrei der Möwen).

Atze Svoboda

 

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