Was mich bewegt
Mittwoch, den 20. April 2011

Es bewegt mich schon ein bisschen, als Journalist mit ansehen zu müssen, wie schnell es gehen kann: Eben noch ein mächtiger Politiker – jetzt ganz unten. Gestern habe ich den einstigen Strahlemann auf dem Gang zur Cafeteria gesehen: hängende Schultern, um Jahre gealtert. Er dachte wohl, ich würde ihn grüßen – wir kennen einander schließlich seit Jahren. Aber ich war zufällig damit beschäftigt, einer Dame von der Linken auf den Po zu schauen – wie das Leben eben so spielt.

An die Abende, als der ehemalige große Vorsitzende einige ausgewählte Journalisten zu sich in seine Wohnung einlud, erinnere ich mich noch lebhaft. Sein Freund hatte gekocht (Fisch). Der Parteichef hatte Lederpantoffeln an den Füßen und die CD Beliebte Ouvertüren aufgelegt. Dann zeigte er uns die riesigen hässlichen Gemälde der Leipziger Schule, die er sich von einem ausgebufften Kunsthändler hatte aufschwatzen lassen. »Ein Vermögen sind die wert, ein Vermögen!«, rief er aus.

Wahrscheinlich hatte der Großpolitiker gedacht, einmal Fisch essen bei mir zu Hause – und schon fressen mir die Hauptstadt-Journalisten aus der Hand! Aber wir Korrespondenten sind unbestechlich. Diese bittere Lektion hat er lernen müssen, als er die Artikel über den Hausbesuch in den wichtigsten deutschen Qualitätsblättern las.

Besonders muss ihn das Urteil über den Fisch getroffen haben. Ich habe mich übrigens damals zurückgehalten und im EULENSPIEGEL kein hämisches Wort über die Privatsphäre des Herrn verloren. Auch die Schwulenwitze, mit denen XXX eine bunte Doppelseite gestalten wollte, bin ich schuldig geblieben. Aber denken Sie, ich hätte all die Jahre lang eine Einladung vom Herrn Außenminister erhalten, ihn auf einer seiner Reisen zu begleiten? Nun verstehen Sie, warum ich Herrn Dr. G. W. keine Träne nachweine.

Atze Svoboda

 

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