Lebt eigentlich Heinz Kessler noch?
Donnerstag, den 24. März 2011

+++ aus dem aktuellen Heft +++

kesslerLebt eigentlich Heinz Kessler noch?
Für Millionen Männer, die einst im »Ehrendienst an der Waffe« bei ihm in Sold und Gehorsam standen: Ja, er lebt noch und erfreut sich robuster Gesundheit. Er ist gerade 91 geworden. Den Geburtstag hat er unauffällig mit seiner engsten Genossin Ruth begangen. Wahrscheinlich hatte er an diesem Tag nicht einmal seinen Lieblingsorden (»Goldener Rodel«) angelegt.

Aber kürzlich … Doch halt – weiß jeder, um wen es geht? Heinz wuchs in Chemnitz auf, seine Eltern waren Kommunisten. Der Vater kam ins KZ, die Mutter ins Gefängnis. Den Heinz holte die Wehrmacht. Drei Wochen nach Kriegsbeginn tat er das Schlauste, was er je getan hat – er lief über zur Roten Armee. Als sowjetischer Unterleutnant eroberte er Hitlers Berlin.

Natürlich nicht er alleine – aber ohne ihn wäre es auch nicht gegangen. Zum Schluss war er Armeegeneral und der letzte Verteidigungsminister der DDR. Der Mann ist vorbestraft! Das fiel neulich einigen aufgeregten Berliner Journalisten sowie den wachsamen Freiheitskämpfern in der Hauptstadt-CDU wieder ein, als Kessler ein öffentliches Lokal betrat. Vorbestraft ist er wegen der Schüsse an der Mauer (dafür bekam er siebeneinhalb Jahre vom siegreichen Klassenfeind aufgebrummt, von denen er vier im offenen Vollzug absaß). Und ins Lokal ging er, um mit seinen alten Genossen auf den 55. Jahrestag seiner Friedensarmee (die NVA hat nie einen Krieg geführt) ein Glas Rotkäppchen-Sekt zu leeren.

Aber was hat den Heinz nur geritten, aus dieser Sause eine Kostümparty zu machen und seine Getreuen in Regimentsstärke und Originaluniformen aufmarschieren zu lassen? Der nahe Karneval? Oder haben die alten Herren keine zeitgemäßen Klamotten im Schrank? Wollte er Leute erschrecken oder ein »Lebt eigentlich noch?« in dieser Zeitung erzwingen? Das Geschrei war jedenfalls groß – natürlich auf absolut rechtsstaatlicher Basis. Besagtes Café war nämlich nicht irgendeins, sondern die Cafeteria im Tierpark Friedrichsfelde, und der ist in öffentlicher Hand und wird von Steuergeldern bezuschusst.

Also: Kommunistische Gruselparty auf Kosten des Steuerzahlers! Die Geschäftsführerin musste auf dem ideologischen Zahnfleisch krauchen und im Namen aller Tierparkinsassen Treue zur Demokratie geloben. Tierpark- Mitarbeiter, die von Kesslers Auftritt vorab gewusst hatten, wurden abgemahnt und mit siebeneinhalb Jahren Moabit bedroht. Und auch die Affen fanden, dass die Demokratie gerade noch einmal einem schlimmen Angriff bewaffneter Altkader entgangen war.

Matti Friedrich

 

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