Keine Ahnung
Mittwoch, den 25. Oktober 2017

Man hört es an jeder Ecke, aus jedem Mund und in jedem Spielfilm, und inzwischen steht es auch in jedem zweiten oder dritten neuen Roman: »Keine Ahnung.« Wer hin und wieder Jugendlichen zuhört, der weiß, dass sie diese Phrase minütlich zehnbis zwanzigmal benutzen, aber auch Erwachsene sind infiziert, und sie greift immer weiter um sich. RTL präsentiert die Show Keine Ahnung, im süddeutschen Raum operiert die Bierzeltband »Keine Ahnung« und das Kinderlied »Keine Ahnung« (»Herr Lehrer, ich hab wirklich keine Ahnung, / keine Ahnung, was ich sagen soll«) ist auf Youtube seit Januar 2017 mehr als eine halbe Million Mal aufgerufen worden. »Keine Ahnung« heißen auch Lieder der Toten Hosen (»Keine Ahnung, was ich dir sagen soll, / keine Ahnung und keinen Plan«), der Puhdys (»Wir haben keine Ahnung, / was uns noch alles blüht, / wir haben keine Ahnung, / was noch alles geschieht«) und von Shaban & Käptn Peng (»Denn wir haben keine Ahnung, / wir haben keine Ahnung, / wir haben keine Ahnung, / wir ham ja sowas von überhaupt gar keine Ahnung«).

Das Hamburger Duo Nervling hat auf seinem Album »keine ahnung« den Song »Keine Ahnung« untergebracht (»Geht es linksrum? / Keine Ahnung! / Rechtsrum? / Keine Ahnung! / Uhuhuuu ... uhuhuuu ...«), von der Berliner Band SDP stammt der Song »Keine Ahnung warum« (»Ich bin grade aufgestanden und der Tag ist schon rum. / Keine Ahnung warum. / Ich hab noch immer keine ehrliche Arbeit gefunden. / Keine Ahnung warum«), und für 2,90 Euro kann man online einen Türklinkenanhänger kaufen, der die Aufschrift trägt: »Keine Ahnung, was ich tue, aber dafür brauch’ ich Ruhe.«

In der Literatur wiederum scheint der Kriminal- und Fantasyromanschriftsteller Alfred Bekker die höchste Keine-Ahnung-Dichte anzustreben. Typisch für ihn ist der folgende Dialog: »›Wo finden wir sie?‹ – ›Keine Ahnung, ich glaube kaum, dass sie nach Hause zurückgekehrt ist.‹ Er holte tief Luft. ›Was ist mit Crash? Besteht noch Hoffnung?‹ – Cantrell nickte. ›Eine tiefe Fleischwunde mit starkem Blutverlust, aber keine Lebensgefahr.‹ – ›Gott sei Dank.‹ – ›Denken Sie nach. Wohin würde Jane sich wenden, um nicht aufgespürt zu werden?‹ – ›Keine Ahnung.‹« Und es geht sogar noch bündiger: »Ich hatte keine Ahnung. – ›Wie sah die Frau aus?‹, fragte ich. – Sie zuckte die Schultern. – ›Was weiß ich!‹ – ›Wer hat sie denn bedient?‹ – ›Keine Ahnung.‹«

Es ist so ähnlich wie mit der einst von Karl Valentin beklagten »Gellpest«, deren Opfer jeden Satz mit »gell« abschließen: »Ob es eine krampfhafte Vibration des Sprachmuskelgewebes ist, ist noch nicht festgestellt. In der Klinik Abteilung Sprachstörungen können die von der Gellpest Befallenen schon seit Jahren wegen Platzmangel nicht mehr aufgenommen werden.«

Gerhard Henschel

 

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