Politainment
Mittwoch, den 19. Juli 2017

Jetzt habe es Donald Trump aber wirklich übertrieben, meinten viele Kommentatoren, nachdem der US-Präsident ein Video von sich veröffentlicht hatte, auf dem er am Rande einer Wrestling-Veranstaltung einen Mann niederschlägt, über dessen Kopf digital das Logo des Senders CNN montiert wurde. Ich kann diese Aufregung nur zum Teil nachvollziehen, immerhin haben die US-Amerikaner einen egozentrischen TV-Clown zum Präsidenten gewählt, und der tut, was ein TV-Clown eben so tut: Er sorgt für Entertainment, und zwar auf dem Niveau, auf dem er, wie es so schön heißt, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger abholt.

In Deutschland ist sowas nur schwer vorstellbar. Nicht weil das Publikum hierzulande ein anderes Niveau gewohnt wäre oder wünscht – in dieser Hinsicht sollten wir uns nichts vormachen! –, sondern weil sich die Sphären von Politik und Unterhaltung nur selten überschneiden.

Der letzte, der in Deutschland ernsthaft versucht hat, Politik und Unterhaltung unter einen Hut zu bringen, war Guido Westerwelle, als er in den Big Brother-Container stieg. Lang ist’s her. Auch umgekehrt sieht es eher mau aus: weit und breit kein TV-Promi mit politischen Ambitionen (bis auf ein paar Bekenntnisse von B-Promis wie Sky du Mont und Wigald Boning zur FDP – bei den Liberalen scheint das größte Potential für Unterhaltung zu liegen). Und jemand wie Günther Jauch wird natürlich einen Teufel tun und sich mit einem politischen Statement zur Erbschaftsteuer (ich schätze, er findet sie prinzipiell eher nicht so doll) die Beliebtheitswerte versauen!

Bei der Feier zum 150-jährigen Bestehen Kanadas führten übrigens Präsident Justin Trudeau und Gemahlin persönlich als Moderatoren durch den Abend. Man stelle sich Angela Merkel als Gastgeberin einer Samstag-Abend-Show vor: »Sehr geehrte Damen und Herren, die Freude, heute Abend hier sein zu dürfen, ist mir eine große. Ich glaube, wir sind uns einig, dass es für heute von Wichtigkeit ist, dass die Stimmung, und da stimmt mir mein Ko-Moderator Horst Seehofer sicher zu, weiterhin so stabil bleiben soll, wie wir und wie natürlich auch Sie, liebe Zuschauer, sich das wünschen. Bitte begrüßen Sie nun Ulle, das Nashorn, das Einrad fahren kann! Applaus, Applaus!« – Ich würde vermutlich umschalten, trotz Ulle.

Atze Svoboda

 

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