Liebe Leserin, lieber Leser,

im Gegensatz zu den meisten Beobachtern habe ich von Anfang an damit gerechnet, dass Donald Trump die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewinnen würde. Sicher, sämtliche Demoskopen hatten anderes vorausgesagt, aber auf deren Ansichten gebe ich grundsätzlich nichts, denn Mathematik ist meines Erachtens völlig überbewertet. Leider hielt jedoch mein Gefühl der Freude und Genugtuung am Wahlabend nicht lange an: Fassungslos musste ich mitanhören, wie der vermeintlich starke Mann Trump eine luschige, versöhnlerische Rede hielt, deren Erbärmlichkeit darin gipfelte, dass er allen Ernstes seine Gegenkandidatin lobte, anstatt, wie von mir und den meisten anderen seiner Anhänger erwartet, Hillary Clintons Verhaftung bekanntzugeben und ihre öffentliche Hinrichtung für den nächsten Morgen anzukündigen. Aufgrund dieses Fauxpas’ ist seine Präsidentschaft für mich schon jetzt mit einem Makel behaftet – ich fürchte, der Mann ist einfach zu lieb für dieses Amt.

Es war ungefähr vor einem Jahr, als zum ersten Mal ein Autor in der Redaktionskonferenz vorschlug, einen Artikel zum Thema »Reichsbürger« zu schreiben. Allerdings zunächst ohne Erfolg: »Lasst mich mit eurem Hipster-Quatsch in Ruhe, wer will denn Texte über japanisches Fast Food lesen?«, rief ich erbost und ging nach Hause, denn die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten. Das Missverständnis klärte sich dann recht schnell, aber überzeugt war ich von dem Thema immer noch nicht. Insbesondere die angebliche politische Relevanz dieser Aktivitäten wollte sich mir nicht so recht erschließen – ich hatte als Kind auch mal einen selbstgebastelten Ausweis, und in der Fantasie war bestimmt jeder von uns irgendwann ein Kaiser oder wenigstens Lokführer oder Eisverkäufer. Auch verkleidet haben wir uns gern, und niemand hat uns deshalb für rechtsextrem oder anderweitig gefährlich gehalten. Doch zugegeben: Erschossen haben wir nie jemanden, und so musste ich dann vor ein paar Wochen wohl oder übel meinen Widerstand aufgeben und besagtem Autor seinen Willen lassen. Lesen Sie also auf Seite 22 alles über Reichsbürger.

Wir leben in friedlichen, ereignislosen Zeiten. Sowohl hier in Deutschland wie auch draußen in der Welt läuft seit Jahren alles nach Plan, die Lage ist fast schon einschläfernd ruhig. Angesichts dessen ist es leicht nachvollziehbar, dass unser Land kollektiv in Panik verfiel, als bekannt wurde, dass hier und da Clowns auf der Straße Leute erschreckt haben. Ein großes Lob möchte ich in diesem Zusammenhang zunächst unseren Qualitätsmedien aussprechen, die sich des Themas in der gebotenen Ausführlichkeit angenommen und uns alle mittels stündlicher Updates über die aktuelle Clownlage auf dem Laufenden gehalten haben. Aber auch auf unsere Politiker bin ich stolz – ein solch gefährliches Massenphänomen, das insgesamt bestimmt schon drei- oder viermal passiert ist, erfordert es zwingend, dass man sich mit entschlossenen Forderungen nach Gesetzesverschärfungen an die Öffentlichkeit wendet. Die Sorgen und Nöte der Menschen in diesem Land müssen ernst genommen werden! Natürlich auch die der EULENSPIEGEL-Leser, weshalb wir Ihnen auf Seite 35 ausführlich erklären, wie Sie sich und Ihre Familie vor den gefährlichen, omnipräsenten Horror-Clowns schützen können.

Mit clownesken Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

---Anzeige---