Nicht von mir!
Mittwoch, den 09. Februar 2011

Zweifellos wurde von mir das Versprechen gegeben, dass ich, wenn der große Tag, der geradezu übergroße Tag gekommen sein wird, eine Laudatio geschrieben haben werde.

Pünktlich, so versprach ich, werde diese Laudatio fertig sein, eine Laudatio zudem, an die noch lange zu denken sein wird, die alle bisher dagewesenen Laudationes in den Schatten stellen wird. Dass ich diese Laudatio, als der große, der geradezu übergroße Tag, also der heutige Tag gekommen war, trotz aller Versprechungen nicht geschrieben hatte, liegt einzig und allein in der Verantwortung dessen, dem ich dieses Versprechen gegeben hatte, dem ich dieses Versprechen hatte geben müssen. Dieses Versprechen nämlich wurde mir in einer Art und Weise abgerungen, regelrecht aus mir herausgepresst in einer Art und Weise, die jeder sofort als die schändlichste erkennen kann. Aus keinem anderen Grund, als aus mir dieses Versprechen herauszupressen hatte mich ein sogenannter Kollege nach der Arbeit angesprochen, scheinbar unbekümmert mit freundlicher, doch wie ich jetzt weiß, in Wahrheit scheinheiliger Miene.

Mit den hinterhältigsten Hintergedanken hatte er mich angesprochen, die ich naturgemäß gar nicht zu ahnen im Stande war, da mir dieser sogenannte Kollege bisher als ein, wenn auch zuweilen fauler, mich in meiner eigenen Faulheit noch hier und da bei Weitem übertreffender, aber durchaus vernünftiger Kollege erschienen war. »Gehst du noch kurz mit zu Mario«, hatte er, dieser sogenannte Kollege, scheinheilig, wie ich jetzt weiß, gefragt, und dabei genau gewusst, dass diese Geste seinerseits keineswegs aus kollegialen Gründen, wie man sagt, sondern aus hinterhältigen Gründen, aus den niederträchtigsten Gründen erfolgte. Er hatte meine niedersten Instinkte angesprochen, hatte diese niedersten Instinkte ausgenutzt, um mich in eine Falle, anders kann man es nicht ausdrücken, eine Falle zu locken. Ich schlug naturgemäß die Einladung nicht aus, wie ich überhaupt noch nie eine Einladung »zu Mario« oder zu sonst einem Wirt mit Bierausschank ausgeschlagen habe.

Diese, meine Schwäche kennend hatte der sogenannte Kollege, seine scheinbar harmlose Einladung, die jedoch die gemeinste Einladung war, ausgesprochen, und ich war ihm in die Falle gegangen. Diese Falle war zugeschnappt, als ich am wenigsten damit hatte rechnen können, genau zwischen dem vierten und dem fünften, also dem meist letzten oder vorletzten, mindestens aber viertletzten Bier des Abends. Ob ich nicht, so der sogenannte Kollege, für die von ihm betreute sogenannte Homepage eine Laudatio verfassen könne, auf einen Autor, den ich doch, so der sogenannte Kollege, sehr schätze, eine Laudatio für eine Homepage, für die von ihm betreute Homepage, deren Besucherzahlen nicht der Rede wert sind, die regelrecht Besucherzahlen aufweist, für die sich jede Häkelgruppe in Grund und Boden schämen würde.

Doch der sogenannte Kollege hatte zwischen dem vierten und fünften Bier meinen schwachen Punkt getroffen, und ich stimmte zu, stimmte sogar freudig zu, wie ich jetzt erinnere. Als dann der große, der heutige Tag gekommen war, war die Laudatio selbstverständlich nicht fertig, war vielmehr noch gar nicht begonnen, ja komplett von mir vergessen worden, verdrängt worden, weil sie mit Arbeit zusammen hing, einer Arbeit zudem, die mir zusehends öder erscheint. Der sogenannte Kollege, und damit dürfte alles gesagt sein, kann sich diese Laudatio gepflegt an die unmöglichsten Orte stecken. Von mir jedenfalls wird er eine Laudatio auf diesen Autor, der momentan der toteste achtzigjährige Autor weltweit ist, nicht bekommen.

 

---Anzeige---