Liebe Leserin, lieber Leser,

gute Manieren werden heutzutage von so manchem Zeitgenossen als ein Relikt belächelt. Dagegen lege ich großen Wert auf Etikette, und es ist mir egal, wenn das anderen altmodisch erscheint. Besonders wichtig ist mir der korrekte Umgang mit Ranghöheren: Meine Redakteure zum Beispiel dürfen sich mir nur auf Knien rutschend und mit abgewendetem Gesicht nähern. Weil die feinen Herren dazu aber nicht bereit sind, kommt es nur selten zu persönlichen Begegnungen. Stattdessen kommunizieren sie mit mir, indem sie während meiner Abwesenheit Dinge auf meinem Schreibtisch deponieren. Normalerweise handelt es sich dabei um Gesetzestexte, Tarifverträge oder ähnlichen Unsinn, den ich mild lächelnd in die Rundablage entsorge. Das Fundstück von letzter Woche gab mir allerdings Rätsel auf. Es handelte sich um eine Sammlung diverser Zeitungsartikel, die sich mit dem Verzicht unseres Bundespräsidenten auf eine zweite Amtszeit beschäftigten, wobei in jedem dieser Artikel die Wörter »Rücktritt« und »Altersgründe« rot unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen waren. Verstehen Sie das?

Es wird zur Zeit viel darüber berichtet, wie sehr die deutschen Bauern unter den niedrigen Milchpreisen leiden. Andere Opfer dieser Entwicklung werden dabei leider weitgehend ignoriert. Ich selbst zum Beispiel trinke sehr gern Milch, aber ich kann es mir mit Rücksicht auf meine Reputation einfach nicht erlauben, derart billiges Zeug zu kaufen. Ich will mich ja nicht mit dem Pöbel gemein machen! In meiner Verzweiflung bin ich vorübergehend gar auf Yak-Milch umgestiegen, die zwar angemessen teuer war, aber leider gar nicht geschmeckt hat. Zum Glück hat mir dann ein Bekannter im Golfclub den neuesten Geheimtipp zugeflüstert: menschliche Muttermilch. Und was soll ich sagen – ein Volltreffer! Exzellente Geschmacksnote und in der von mir bevorzugten Variante (schwedische Freilandhaltung) mit einem Literpreis von etwa 8000 Euro auch hinreichend exklusiv. Zwar gibt es derzeit ernsthafte Lieferengpässe, weil ukrainische Oligarchen ebenfalls auf den Geschmack gekommen sind und gerade den Markt leerkaufen, aber zum Glück habe ich Vorräte angelegt, die ausreichen sollten, mich über den Sommer zu bringen. So viel zu meinen Problemen. Über weniger wichtige Aspekte der Milchkrise berichten wir auf Seite 38.

Es ist immer wieder erstaunlich, worüber sich die Leute so aufregen. Zuletzt brach bekanntlich eine absurde Welle der Empörung über den AfD-Politiker Alexander Gauland herein, nur weil er angemerkt hatte, dass die meisten Deutschen nicht neben Jerome Boateng leben möchten. Dabei ging es doch gar nicht um Herrn Boateng als Individuum, sondern um die ethnische Gruppe, der er angehört, nämlich Fußballnationalspieler. Und die sind nun mal, da muss ich Herrn Gauland völlig recht geben, in ihrer großen Mehrheit tatsächlich keine angenehmen Nachbarn. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe schon neben diversen dieser Herren wohnen müssen: Oliver Kahn warf ständig Bananenschalen in meinen Garten, Maurizio Gaudino versuchte unentwegt, mir irgendwelche Gebrauchtwagen anzudrehen, und Lothar Matthäus lockte mich mehr als einmal unter einem fadenscheinigen Vorwand in sein Haus, nur um mir dann stolz seinen Penis zu zeigen. Lediglich mit Thomas Berthold gab es keine Probleme: Der saß immer friedlich auf der Bank. Noch mehr schreckliche Nachbarn stellen wir Ihnen auf Seite 46 vor.

Mit nachbarschaftlichen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

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