Die Todesursache von Prince
Montag, den 23. Mai 2016

»Popstar: Todesursache von Prince nach Obduktion weiter unklar«, meldete Zeit online am 22. April 2016, und da wir in einer vielfältigen Medienlandschaft leben, wandelte die heute-Redaktion den Satzbau etwas ab (»Obduktion: Todesursache von Prince weiter unklar«). Tags darauf zog der Wiener Standard mit einer eigenen Variante nach: »Obduktion brachte keine Hinweise auf Princes Todesursache«.

An sachdienlichen Hinweisen auf die Todesursache von Prince wird es auch in Zukunft mangeln, da Prince zwar eine Herkunft, aber keine Ursache hatte und infolgedessen auch keine Todesursache. Was Tausende von Journalisten in diesem Zusammenhang thematisieren wollten, war die Ursache des Todes von Prince, die allerdings etwas gänzlich anderes ist als »die Todesursache von Prince«. Doch wie soll man das Leuten erklären, die vom Schreiben leben und dank ihrer déformation professionnelle über die Wahrnehmung solcher Unterschiede erhaben sind?

1994 spekulierte die Berliner Zeitung über die »Unfallursache von Ayrton Senna« und setzte dabei stillschweigend voraus, dass Menschen nicht nur Todes-, sondern auch Unfallursachen haben können. In der dritten Auflage des dritten Bandes seiner Studie »Verletzungen des Auges mit Berücksichtigung der Unfallsversicherung« (Berlin 1924) ging der Ophtalmologe August Wagenmann sogar auf »die Todesursache von 58 Todesfällen infolge von Orbitalschussverletzung« ein, woraus sich schließen lässt, dass jeder dieser Todesfälle an einer Schussverletzung gestorben sein muss. Wer aber hatte den Todesfällen vorher das Leben geschenkt?

Jetzt zu einem vertrackteren Fall. Die Göttingischen gelehrten Anzeigen berichteten 1820: »Die Krankheitsursache von thierischen Stoffen wird durch die Wärme weniger schädlich und zuletzt unwirksamer, da die von Pflanzen dadurch in ihrer Kraft und Wirksamkeit verstärkt wird.« Mit der »Krankheitsursache von thierischen Stoffen« war vermutlich deren Giftigkeit gemeint, denn tierische Stoffe können nicht erkranken, sondern nur verfaulen, weswegen es auch verkehrt gewesen wäre, von der Ursache einer Erkrankung tierischer Stoffe zu sprechen – herrje, wie ist das alles kompliziert!

Gegen den Einwand, dass solche Einwände kleinkariert seien, weil man doch ohnehin wisse, was gemeint sei, könnte man wiederum einwenden, dass Schlamperei vermeidbar ist. Auch ein ständig danebenhauender Pianist wäre schlecht beraten, wenn er dem Publikum hinterher mitteilte: »Aber Sie wissen doch, dass die Mondscheinsonate gemeint war!«

Und wie krank war Prince nun wirklich? Die Top-Journalisten von gmx.de wissen es genau: »Musik-Legende ging es vor seinem Tod offenbar schlechter als vermutet.« So dass man folgern darf: Todesursache von dem Musik-Legende offenbar leider weiter so unklar wie das Deutsch seiner Grabräuber.

Gerhard Henschel

 

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