Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich zum ersten Mal davon hörte, dass der 500-Euro-Schein abgeschafft werden sollte, reagierte ich zunächst mit Unverständnis, war mir diese Banknote doch über die Jahre zu einem treuen Freund geworden. Aber für gute Argumente bin ich jederzeit offen, und die Darlegung unserer Politiker, dass diese Maßnahme dem organisierten Verbrechen einen schweren Schlag versetzt, weil die Bösewichter jetzt viel mehr Scheine mit sich herumtragen müssen, überzeugt mich voll und ganz. Allerdings: Wenn das so ist, sollten wir dann nicht schnellstmöglich eine Hyperinflation auslösen, um die Mafia endgültig zu besiegen? Ich denke, ich werde der Bundeskanzlerin diese Idee in ihrer nächsten Bürgersprechstunde vorstellen. Investieren Sie am besten schon mal in Immobilien!

Vor ein paar Wochen, als das Wetter schöner wurde, holte ich wie jedes Jahr mein Porsche-Cabriolet aus der Garage und fuhr ein wenig an der Frühlingsluft spazieren. Andere tun das am liebsten auf der Landstraße, aber das habe ich noch nie verstanden: Da sieht einen doch kaum jemand! Nein, solche Ausfahrten unternehme ich grundsätzlich in der Innenstadt. Leider waren auch in diesem Jahr die Radfahrer eine enorme Plage – ich kann kaum noch zählen, wie oft ich von diesen Chaoten schon beim Rechtsabbiegen geschnitten worden bin. Früher habe ich in solchen Fällen immer gelassen reagiert, also beispielsweise mit einer Coladose geworfen. Aber für dieses Jahr hatte ich den festen Vorsatz gefasst, mich nicht länger herumschubsen zu lassen. Ich wartete also geduldig ab, bis der erste Ökospinner an mir vorbeiradeln wollte, schlug dann elegant das Lenkrad nach rechts ein und gab sportlich Gas. Hui, war das ein Abflug! Dann stieg ich aus, flüsterte dem plötzlich gar nicht mehr so bewegungsfreudigen Herrn noch ein paar Informationen über seine Mutter ins Ohr und drückte meine Zigarre auf ihm aus. Anschließend zeigte ich ihn wegen Gefährdung des Straßenverkehrs an. Als aber dann ein paar Monate später am Ende einer recht kurzen Verhandlung der Richter eine Freiheitsstrafe verhängte, erschrak ich doch ein wenig. »Das hat der junge Mann nun auch wieder nicht verdient, Euer Ehren!«, protestierte ich. Und dann der Schock: Dieser Westentaschen-Freisler hatte gar nicht den Zweiradhooligan verurteilt, sondern mich! Einen Leistungsträger, eine Stütze der Gesellschaft! Das Vertrauen in unseren Rechtsstaat habe ich jetzt, unabhängig vom Ausgang der Revision, völlig verloren. Daher interessieren mich die juristischen Feinheiten, die in unserem Ratgeber auf Seite 38 erörtert werden, herzlich wenig. Aber vielleicht ist das ja was für Sie?

Aus zahlreichen Zuschriften weiß ich, dass die meisten EULENSPIEGEL-Leser mich für einen rundum glücklichen Menschen halten. Aber ganz sorgenfrei ist auch mein Leben nicht, denn schon seit vielen Jahren plagen mich ernsthafte gesundheitliche Probleme. Es begann alles in den Achtzigerjahren, als ich nach dem Konsum diverser TV-Reportagen an Aids erkrankte. Später zog ich mir auf dieselbe Weise auch noch BSE, die Vogelgrippe und bestimmt ein gutes Dutzend verschiedene Krebsarten zu. Es grenzt an ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe – insbesondere wenn man bedenkt, dass keine dieser Krankheiten jemals angemessen behandelt wurde. Denn wann immer ich einen Arzt aufsuche, erhalte ich statt Mitgefühl und Heilung nur Bescheide wie »Alles in Ordnung«, »Da ist nichts«, »Sie sind kerngesund, Sie Spinner«, »Raus aus meiner Praxis« usw. Kein Wunder, dass ich inzwischen eine ebenso schwere wie undiagnostizierte Depression entwickelt habe! Ein weiteres Opfer ärztlicher Ignoranz stellen wir Ihnen auf Seite 62 vor.

Mit eitrigen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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