Liebes Pack, lieber Onkel Stefan!
Montag, den 28. März 2016

liebespack

Danke für die nette Einladungs-Mail für den nächsten Montagabend, mit der Frau Merkel als Vampir! Lustig. Aber sei nicht sauer – ich latsche nicht bei Euch mit. Dass ich das letzte Mal mitgelatscht bin, ist jetzt über ein Vierteljahrhundert her, das war am 4. November 1989. Fünf bis sechs Stunden lang standen wir in der Herbstsonne und träumten von einem besseren Sozialismus, glucksten selig bei dem Satz »ein Land ohne Fahnenappell«, und das Plakat »Großmutter, warum hast du so lange Zähne« (Spott auf Krenz) verhieß uns eine irgendwie witzige Zukunft.

Im Westfernsehen wird diese Demo übrigens gern so behandelt, als hätten wir an diesem Tag die Bettlaken aus den Fenstern gehängt und die neuen Besatzer begrüßt. So war’s aber nicht. Aber was wir nicht wussten – just an diesem Tag beugten sich in Brüssel die NATO-Generäle über ihre Karten und stachen die Fähnchen dort ein, wo – Überraschung! – die NATO heute steht.

Deshalb latsche ich nirgendwo mehr mit. Und aus hygienischen Gründen. Aber auch ich finde, liebes Pack und lieber Onkel Stefan in Deinem schönen Dresden-Klotzsche: Merkel muss weg! Oder, wie man in Euren intellektuellen Kreisen sagt: Merkel ist »zum Kotzen«. (Geschenkt, dass einige von Euch sie unter die Guillotine legen wollen – aber da seid Ihr – Du und Deine Doris – doch sicherlich nicht dabei ...) Ich finde die Dame aber weder deshalb zum Kotzen, weil sie so aussieht, so spricht oder sich so anzieht, wie sie aussieht, spricht, sich anzieht. Sie kotzt mich auch nicht an, weil sie Menschen auf ihrer Wanderung in das gelobte Land der vegetarischen Haute Cuisine nicht erfrieren ließ, wie es wahrscheinlich einige von Euch – Du natürlich nicht – für »normal« (witterungsbedingt), »national« oder »selbst dran schuld, hätten ja zu Hause bleiben können« halten. Sie kotzt mich an, weil mich jede Regierung ankotzt, die sich dem Schutz der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse und der Mehrung des Mehrwerts verpflichtet. Da gibt’s nur eins: muss weg!

Auch bin ich kein Fan der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, Du, mein gottesfürchtiger sächsischer Oheim, nimmst die ja gern als Leitfaden für Rechtgläubigkeit, Einhaltung des Leinenzwangs (lebt der alte Dux denn noch?) und des ehelichen Treuegebots, das die gute Doris natürlich strikt einhält. Nebenbei: Einmal hat mich mein Landrat brieflich aufgefordert, mir an einem Sonntag den Hintern in einem Wahlvorstand breitzusitzen. Um das abzuwenden, schrieb ich ihm, dass ich prinzipiell nur wählen gehe, wenn Kommunisten auf dem Zettel stehen – da hat er von mir abgelassen. Da war ich doch ein bisschen froh, dass es sie gibt – die (Meinungs-)Freiheit.

Die herrschende Ordnung ist die Ordnung der Herrschenden – schon mal gehört, was? Die Angst, die Euch befällt, dass die Armut, die Wüstung, der Hunger (die »unsere« Ordnung überall in der Welt hinterlassen hat) nach Dresden-Klotzsche kommen, ist begründet. Eure Panik hat das System schon eingepreist. Auch ich finde die Vorstellung lustig, wie ihr beide hinter Eurem Panorama-Sukkulenten-Fenster sitzt und zittert: Warum habt Ihr die Herrschenden denn nicht längst davongejagt?

Ja, ich weiß, man hat Euch beschissen. Ihr seid, was Ihr immer ward: Opfer. Inzwischen hat man Euch, den ganzen Pegidahaufen, psychologisch, soziologisch, statistisch und sogar medizinisch eingekreist, wie die Population, die vom Zika-Virus befallen ist. Man weiß jetzt alles über Euch, wie viele Kinder Ihr im Durchschnitt habt (und dass die zwischen 30 und 37 und ernüchtert aus dem Westen zurückgekommen sind und sich ganze Sippen beim Abendspaziergang treffen), dass Ihr gediegen wohnt – wo wohnt man schöner als in Klotzsche! –, durchschnittlich nicht mehr als einmal täglich Stuhlgang habt, dass bei Euch noch Bücher im Regal stehen (bei Dir, wie ich mich erinnere, Johannes- Mario Simmel und Karl Marx), dass Du das vierte Auto seit 1993 fährst, dass Ihr Kleinhaustiere (keine Exoten!) mögt, vergleichsweise selten an multiplem Organversagen infolge des Genusses harter Alkoholika versterbt, sogenannten Klassik-Pop (Doris den Andrea Bocelli) der Operette vorzieht, dass Sex für Euch nicht alles, aber Wandern (Elbsandsteingebirge) gesund ist. Vor allem aber – dass ihr Opfer seid.

Ihr seid mit dem fiesen Biedenkopf und seiner bissigen Ingrid mitgetrottelt, er hat Euch vorgeführt als seine »Landeskinder«, »meine Sachsen «, als nützliche Idioten! Ihr habt Euch diesen Heimat- und Freistaatsstuss einreden lassen – wie in der DDR, als Pathos mehr zählte als die Mortadella auf dem Teller. Ihr habt euch belügen lassen und »für die Heimat« so getan, als merkt Ihr nichts.

Und jetzt randalieren! Auch Du, kulturvierter Pfeifenraucher und Connaisseur Meißener Weine! Noch habe ich Dich mit Eurem Vereins-Fluch »Lügenpresse!« nicht im Fernsehen gesehen. Natürlich gibt es eine Lügenpresse: Als in Kiew der Maidan rebellierte und Westerwelle auf die Barrikaden flitzte, um die deutsche Demokratie zu exportieren, da ist bei den Westblättern – Eure sächsische Ex-SED-Presse vorneweg – der genetisch programmierte Antikommunismus durchgebrochen, da war fast jeder Satz gelogen – Triumphgesänge, wie damals, als die so unabhängige Journaille die DDR eingenommen hat. Und die Linke? Du warst doch mal links, Onkel Stefan! Die Linke hast Du gewählt und gewählt und dann hat sie »Ätsch!« gesagt, »ätsch, wir wollen doch bloß den Kapitalismus ein bisschen schöner machen.«

Was für mich der 4. November 1989 ist, ein Tag zum Schämen – das ist für die Dresdner der 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Frauenkirche. Erinnerst Du Dich? »Meine lieben jungen Freunde«, hat der Kohl gesagt, »liebe Landsleute« – da lagt Ihr schon vor Glück auf den Bäuchen, weintet, kreischtet (bei Euch heißt es »wir ham gekrischen«) wie Teenager, wenn Justin Biber aus dem Schnürboden kommt. »Freiheit« hat der Kohl gerufen und Euch tat sich der Himmel auf. »Freiheit«, so heißt doch der Krampf zwischen Minijob und Mietzuschuss seit fünfundzwanzig Jahren! Dass er Eure Meinung respektieren werde, hat er gelogen, und »die geschichtliche Stunde« hat er beschworen – »Ein-heit, Einheit! « habt Ihr gebrüllt, Du mit den Kindern an der Hand, Doris war noch knackig und kriegte feuchte Augen.

»War die Wiedervereinigung ein Fehler?«, fragte sich kürzlich der Spiegel.

Natürlich, aber nicht der Fehler der Wessis – die haben’s richtig gemacht! Du hast doch die Schallplatte zu Hause mit der Kohl-Rede, hat die Bundesregierung noch vor Weihnachten zu Millionen in den Osten gebracht. Darauf bist Du auch zu hören, Onkel Stefan, auch Du! Gebrüllt habt Ihr wie gedopte Affen, gejubelt, als ginge es in den Krieg. Ach, Euer Kohl – der die Ossis wenig später als »Systemträger« generalverdächtigte und Dich wegen Deines inadäquaten Ingenieurabschlusses für fast zehn Jahre hinter Deinem Panoramafenster sitzen lassen hat – ich weiß, ich weiß, eine Zeit voller erfüllender Ehrenämter im Ortsbeirat! Jetzt schämt Ihr Euch, Ihr Dresdner, das dürft Ihr auch. Euer Gassigehen am Montagabend – eine Büßerversammlung, flüsterndes schlechtes Gewissen, weil man Euch wieder geneppt hat, wie Dich, Stefan, ja andauernd – mit dem Ford Fiesta oder mit dem Vorwerkstaubsauger, oder – weißt Du noch? – mit diesem schrecklichen Last-Minute-Angebot im tunesischen Urlaubsknast. Darum Euer Schweigegelübde, Euer abendländisches Brimborium, die gespielte Wut, die bösen Sprüche Eurer Leitfaschisten, darum der Goebbels-Imitator Höcke, die hasserfüllten Fressen, die keifenden Weiber mit dem Fotzenjargon.

Nein, Pack seid Ihr nicht – aber übel dran, das seid Ihr. Was das alles mit den Flüchtlingen, mit der Islamisierung des Kreuzchores, mit bevorstehenden Laubeneinbrüchen und der Verunreinigung des Dresdner Stollens durch Moslemurin zu tun hat? Natürlich nichts! Aber wenn sie kommen, dann kommen sie die A4 von Chemnitz her. Bis sie in Klotzsche sind, habt Ihr Zeit, die Fahrräder reinzunehmen und die Türen zu verrammeln. Vielleicht schaffen sie es ja nicht mal über die Elbe, wenn sich Eure Revolutionäre in den Jack-Wolfskin-Jacken und Pudelmützen mit dem Lutze an der Spitze und Kreuzen in den Händen auf die Piste legen. Du natürlich nicht, Du hast ja Rücken!

Also, werd gesund, und liebe Grüße an die Doris

mathias



Mathias Wedel

 

Kommentare 

 
#2 Sandor Böhme 2016-04-12 12:26
Der Artikel ist eine Lachnummer, voller Widersprüche ... einerseits lehnt der Autor PEGIDA ab, andererseits solidarisiert er sich mit ihr in der Ablehnung unserer Demokratie, ... einerseits geißelt er den Opportunismus der sächsische Ex-SED-Presse und andererseits war er selber ein IM der Stasi und trug so zum Erhalt des SED-Regimes bei ... Interview im "Spiegel" 39/1994, sehr interessante Lektüre ... Warum zählte das Pathos in der DDR mehr, als die Mortadella auf dem Teller? Durch Leute, wie Sie! Schade, der Eulenspiegel ist nicht mehr das, was er einmal war, mit informativen, humorvollen und einfach zu verstehenden Geschichten (ohne Konglomeraten an Fremdwörtern und frei von Kraftausdrücken ). Ist in meinen Augen ein reines Propagandablatt geworden.
Zitat
 
 
#1 Frank Schliwa 2016-04-06 22:06
Für mich einer der besten Artikel der letzten Jahre. Schön, dass es immer noch Autoren gibt, die solch wichtigen Botschaften mit Humor und doch so vielen Wahrheiten rüberbringen können. Man spürt, dies war für Herrn Wedel nicht nur ein Job sondern ein inneres Bedürfnis. Ganz herzlichen Dank dafür.
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