Vom Waldschnatzentag zum Krummkrammetsabend
Freitag, den 31. Dezember 2010

Das alte Jahr ist verdampft, das neue liegt vor. Noch erstreckt es sich weit in den Horizont, und wie Apfelsinen am Wegesrand leuchten allenfalls Ostern, Pfingsten und Weihnachten dem modernen, rundum verkabelten Hochgeschwindigkeitsmenschen entgegen. Mancherorts aber leben jene alten Feste fort, die von den Menschenkindern seit jeher gepflegt, ja gepflogen wurden und dem Jahr nicht nur Sinn und Ordnung gaben, sondern da und dort noch heute beuen. Das glauben Sie nicht? Dann sollten Sie es wissen, bevor es (Nostradamus dräut!) zu spät ist auf Ihrer Uhr:

Schon der Beginn eines neuen Jahres ist nämlich eng mit steinaltem Fruchtbarkeitsglauben verknüpft, sind in der Neujahrsnacht doch alle geheimnisvoll rumpelnden Kräfte des Wachstums lebendig. In Holstein knüpft man deshalb den Mädchen feuchte Gebinde von Liebstöckel ins weit offene Haar, während im Hochsauerland die Jünglinge nach Mitternacht mit einer mächtigen Saugglocke durchs Dorf laufen, Neckverse auf die unbegeigten Töchter aufsagen und den Hagestolzen einen Nagel in die Eiersäcke schlagen, der bis Mariä Lichtmess im Februar bleiben muss, wenn er durch eine Schraubzwinge ersetzt wird.

Jedoch schon am 2. Januar feiert man in Nordhessen den Waldschnatzentag, an welchem weder von den Männern ein heißes Pferdchen angespannt werden noch eine unberittene Jungfrau das Elternhaus verlassen darf, weil sonst die Waldschnatzen kommen. In Mecklenburg hingegen darf an diesem Tag keinerlei Brauchtum ausgeübt werden, weil Frau Holle umgeht.

Überall aber, wo die deutsche Zunge lebt, führen zu dieser Zeit die Raunächte das Regiment, an denen die Sonne einhält in ihrem Lauf, ehe sie am 6. Januar ihren Weg ins neue Jahr abzurollen beginnt. Dann umwickelten einst die Kebsen im Emsland ihren weichen Rocken mit Flachs und sangen, derweil die Zeugschaftsburschen die Hände an den Eicheln ruben und schwiegten: »Sau manchet Hoar, sau manchet gaute Joahr.« (Vgl. A. H. Schniedelbach: »Das deutsche Buch vom deutschen Brauch«, zweite, bereinigte Auflage 1951.)

Danach wirft man in Obersachsen dem Nachbarn am Aschermittagsmorgen irdene Gefäße durch die Fenster, um der Stille Herr zu werden und die Küchenschrate auszutreiben. In Niedersachsen stellt man aus ganz anderem Grunde Krummbirnen wider die Fruchtbarkeitswerkzeuge und zieht sich Schweinehäute über, die neuerntags aus chinesischem Plastik gegossen sind und anschließend verzehrt werden.

Zwischen Fastnacht und Ostern wird im Erzgebirge nichtsdestoweniger der Hutzelsabbat gefeiert. Von allen Kuppen leuchten die brennenden Feuer hellauf lodernd in das stracks beleuchtete Land. Ja! Diese Feuer sind ein Fest, ein Hutzelfest, das sich aus der Hominidenzeit gehalten hat, als man durch die Feuer Unholde, Geisterspäher, Wiedertote, Umgänger und Hutzel von den Feldern und Rainen zu bannen trachtete, in Notzeiten ein frisches Neugeborenes röstete und dafür sorgte, dass die Welt nicht abging, sondern sich auch morgen gleich einem Feuerrad weiterdrehte – vorausgesetzt, dass die Welt nicht abging.

Dessen ungeachtet hat sich in Niederschwaben das Eierbrauchtum erhalten. Dann holen sich die Maiden am Kammerfenster des Auserwählten die Ostergelege ab und veranstalten den Eierlauf, bei dem sie über Gatter, Ferkel, Meilensteine, Hengstriemen und selbstverständlich Gaustrutzen springen und dabei ein Ei auf der Nasenspitze ins väterliche Gemach führen müssen. In Brandenburg dagegen wird das Osterwasser geschöpft, das wider allerhand Gebresten, Sommersprossen, trockene Kleider, kurze Beine und Wehtage hilft, sobald es wirkt. Doch schon in der Walpurgisnacht wird im Berner Oberland von jungen Kerlen ein Mistwagen auf das Pfarrhaus gestülpt. Anderswo, in der Pfalz, schleift man daher die alten Jungfern in den Ziegenstall und begräbt den Eidam, den Spillmagen und den Hundsfott. Den Schandmaien hingegen werden zur Fickeldult in Vorderbayern Geflechte aus Kutteln in die Kelze getan. In Tirol wiederum treibt man am 21. Juni die jungen Witwen auf die Alm, und alle alten Katzen werden ersäuft. Außerhalb dieses Brauchs hat sich in Ostwestfalen ein anderer erhalten, wonach man Früchte hängen lässt, bis sie wieder fest werden.

Am Johannistag indes laufen am Niederrhein die heranwachsenden Knaben von Haus zu Haus, werfen die Mülltonnen um, treten die Türen ein und erheischen den Eisenkuchen, ein hartes, stangenartiges, vorn aufgewölbtes Gebäck, das sie infolgedessen beim Abendgebet ihrer Mutter schenken.

Hinwieder zum Michaelstag im September hängen sich die Leute im Waldviertel Knochen von Durchreisenden an die Fenster und versammeln sich unter der Linde, um Kaldaunen aus einem Pansen zu löffeln und zu jedem Furz »Ho ha dehoberma!« zu röhren, ein Ruf, der nichts anderes als »He, hack, da hanzen wir’s!« bedeutet.

Indessen im Spätherbst, wenn das Jahr zur Rüste geht, kommt in Franken das Hermannsvögelchen, der erste Vorbote des neuen, mählich anschwellenden Winters; welchselbiger, nachdem am Thüringer Krummkrammetsabend, drei Morgen nach dem Nikolaustag, der Thüringer Krummkrammetsabend gefeiert ward, schließlich in der Gestalt des Christonkels sehr alte und verbrauchte Züge trägt und den jungen Dingern die Herrgottsgabe tut.

Dann sind alle gefüllt, und das neue Jahr beginnt. Nun setzt auch die Sonne ihren Lauf fort – so Nostradamus will. Und wenn nicht – was verschlägt’s!

Peter Köhler

 

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