Liebe Leserin, lieber Leser,

  

auch ich war nicht glücklich darüber, dass sich die deutschen Fußballnationalspieler Gündogan und Özil stolz mit dem türkischen Präsidenten fotografieren haben lassen. Man sollte die Sache aber nicht überdramatisieren. Ich jedenfalls werde unsere Mannschaft weiterhin anfeuern – es sei denn, Thomas Müller lässt sich demnächst mit Markus Söder ablichten. Ich bin mir aber sicher, dass diese rote Linie niemals überschritten wird.

Neugier und Skepsis sind zwei wichtige Eigenschaften von Journalisten, deren Kombination regelmäßig zu großen Rechercheerfolgen führt. Oft beginnt es damit, dass uns etwas zu ruhig, zu normal, zu unverdächtig erscheint. Wir trauen dem Frieden nicht, beginnen nachzubohren, und daraus ergeben sich dann sensationelle Enthüllungen. Möglicherweise stand dieser Mechanismus auch am Anfang der zur Zeit kursierenden Gerüchte, dass es mit der Ehe von Donald Trump nicht zum Besten stehen soll. Der aktuelle US-Präsident macht sich bekanntlich in den Medien eher rar. Seine geradezu stoische Zurückhaltung verleiht ihm eine Aura der Unangreifbarkeit, durch die sich wiederum Journalisten herausgefordert sehen, besonders intensiv nachzuforschen, um hinter der souveränen Fassade vielleicht doch irgend etwas Skandalöses zu finden. Bisher waren alle derartigen Versuche erfolglos, und auch die aktuellen Gerüchte stoßen in der Öffentlichkeit auf wenig Resonanz: Zu unwahrscheinlich erscheint es den Menschen, dass dieser solide, fast ein wenig langweilige Mann seine Frau betrogen haben soll. Ich dagegen wäre nicht überrascht, wenn die Behauptungen stimmen würden. Denn ganz unter uns: Ich war schon immer der Meinung, dass Melania viel zu alt für ihn ist. Aber bilden Sie sich doch einfach Ihre eigene Meinung. Auf Seite 32 finden Sie die dafür notwendigen Fakten.

Als ich vor einigen Wochen davon las, dass neuerdings die Polizei an Flughäfen patrouilliert, um Familien daran zu hindern, mit ihren schulpflichtigen Kindern außerhalb der Ferienzeit zu verreisen, da fühlte ich mich wieder einmal bestätigt. Denn ich war jahrelang ein aktiver Kämpfer gegen das Unwesen des Schulschwänzens. Wann immer es mir zeitlich möglich war, verbrachte ich meine Vormittage in Fußgängerzonen, Kaufhäusern und auf Spielplätzen und hielt nach Kindern Ausschau. Wenn ich dann eins erspähte, sprach ich es sogleich an: »Na, du Racker, was machst du denn um diese Uhrzeit hier? So, der Onkel nimmt dich jetzt mit!« Klar, das ging nicht immer ohne Geschrei ab, und manchmal musste ich auch etwas fester zupacken, aber Engagement für das Gemeinwohl ist nun mal nicht immer angenehm. Am Ende gelang es mir jedenfalls immer, den kleinen Tunichtgut bei der nächstgelegenen Schule abzugeben. Schockierenderweise reagierten unsere staatlichen Stellen auf meinen Einsatz aber nicht etwa mit Dankbarkeit, sondern ganz im Gegenteil mit offenen Feindseligkeiten, die darin gipfelten, dass es mir gerichtlich verboten wurde, mich Minderjährigen auf mehr als 50 Meter zu nähern. – Immerhin scheint man inzwischen eingesehen zu haben, dass ich auch diesmal recht hatte. Während ich also geduldig auf meine offizielle Rehabilitierung warte, können Sie unseren Artikel auf Seite 38 lesen.

Mit zupackenden Grüßen

 

xxx
Chefredakteur

 

 

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