Liebe Leserin, lieber Leser,

es war nur eine unscheinbare Meldung im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, aber sie hatte es in sich. Schon die Einleitung traf mich wie ein Hammer: »Der König von Thailand ist in Erding nachts beim Radfahren mit Plastikkügelchen beschossen worden, die zwei Teenager aus Spielzeugpistolen auf ihn abfeuerten.« Endgültig fassungslos machte mich aber der letzte Satz: »Womöglich wird der Fall eingestellt.« Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ist unsere Justiz jetzt völlig verrückt geworden? Wo bleibt der Aufschrei der Öffentlichkeit, wo der Aufstand der Anständigen? Ich jedenfalls habe umgehend eine Petition gestartet, um die beiden Nachwuchsterroristen für den Rest ihres Lebens hinter Schloss und Riegel zu bringen. Unsere Gesellschaft muss jetzt deutlich machen, dass sie Angriffe auf ihre Elite nicht duldet. Wenn man heute ungestraft auf Könige schießen darf, ist vielleicht schon morgen ein Attentat auf den Papst nicht mehr strafbar, und irgendwann – ich wage kaum daran zu denken – sind womöglich sogar Chefredakteure von Satiremagazinen nicht mehr sicher. Lassen wir das nicht geschehen!

In letzter Zeit wird in den Medien oft und laut der angebliche Missstand beklagt, dass die Menschen in diesem Land sich nur noch mit politisch Gleichgesinnten umgeben würden. Schön wär’s! So einfach ist das nämlich gar nicht. Ich jedenfalls bin schon seit Jahren niemandem mehr begegnet, der meine Ansichten auch nur halbwegs teilt. Höchstens im Internet finde ich hin und wieder mal eine Website mit recht vernünftigen Standpunkten, aber die wird typischerweise schnell von den Behörden geschlossen. Entsprechend ablehnend stand ich daher zunächst der neuerdings aufkommenden Idee gegenüber, man solle sich doch bitteschön aktiv mit Andersdenkenden verabreden und sich ihre Standpunkte anhören (siehe Seite 28). Inzwischen habe ich aber ein wenig darüber nachgedacht und meine Meinung geändert: Ich stehe ab sofort offiziell für Treffen mit politischen Gegnern zur Verfügung – unter der Bedingung, dass ich meine Diskussionsausrüstung mitnehmen darf (Motorradhelm, Golfschläger, Quarzhandschuhe usw.). Für Terminanfragen wenden Sie sich bitte an meine Sekretärin.

Dass Ironie im Internet schlecht verstanden wird, ist ein seit vielen Jahren bekannter Gemeinplatz. Inzwischen haben das sogar meine Autoren herausgefunden und sogleich einen Artikel darüber geschrieben, den Sie auf Seite 36 lesen können. Aber auch in analogen Medien ist Ironie ein schwieriges Thema. Ich zum Beispiel bekomme Monat für Monat nach Erscheinen dieser Kolumne unzählige Leserbriefe, in denen ich gefragt werde, ob denn die von mir hier geschilderten Ereignisse wirklich so stattgefunden haben oder ob das alles nur Spaß war. Dabei ist es doch ganz einfach: Alles, was ich an dieser Stelle sage, meine ich auch genau so, außer die Sachen, die offensichtlich nicht ernst gemeint sind. Da Sie, liebe Leser, damit aber anscheinend überfordert sind, werde ich von nun an alle uneigentlich gemeinten Passagen mit den aus dem Internet bekannten Zeichen annotieren, während der Rest ungekennzeichnet bleibt. Zum besseren Verständnis folgen vier Beispielsätze, die das Prinzip illustrieren:

1. Donald Trump ist für mich ein Vorbild.
2. Ich spende regelmäßig für Bedürftige ;)
3. Alle meine Redakteure erhalten mindestens den Tariflohn *rofl*.
4. In meiner Freizeit erschlage ich gern Eichhörnchen.

Mit ernst gemeinten Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

 

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