Meisterwerke 01-18

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Meisterwerk

Hier sehen wir ein engagiertes, ein politisches Gemälde; wir sehen den Deutschen Michel – wie immer mit alberner Schlafmütze, die er auch tagsüber und in der Öffentlichkeit trägt. Vor Monaten hat er seinen Wahlzettel in die vor ihm stehende Urne gesteckt, und nun beginnt er zu denken. Ein bisschen spät, könnte man einwenden, das hätte er auch vor der Wahl machen können, aber immerhin: Er denkt. Und zwar an einen leicht verkürzten Satz des misogynen Kalenderspruchdichters B. Brecht, der seinerseits in einer Gedankenblase auftaucht und – eine Zigarre oder Bockwurst rauchend – ebenfalls an sein Zitat denkt. Zwei Dumme also, ein Gedanke.

Allerdings, wie so oft bei Brecht und Deutschem Michel, ist der humorige Spruch, der der Demokratie mit spitzer Feder den Spiegel vorhält, nicht ganz durchdacht, schließlich ist das Problem ja vielmehr: Welche Regierung soll sich ein neues Volk wählen? Eine aus CDU, CSU und SPD? Eine aus CDU, CSU, FDP und Grünen? Eine von der AfD geduldete CSU-Minderheitsregierung?

Und vor allem: Bekäme diese Regierung im Falle einer Neuwahl des Volkes nicht auch wieder nur das Volk, das sie verdient? Eine heikle Frage, eine, die das Gedankengebäude, wie man im Hintergrund gut sehen kann, zum Einsturz bringt. Es handelt sich wohl um das Reichstagsgebäude, dessen Südseite bereits komplett weggebrochen und verschwunden ist. Vielleicht hat der Michel auch ein Stückchen davon abgeknuspelt.

So oder so: Der Michel guckt zu Recht verdutzt. Denn wer zahlt den Wiederaufbau? Der Michel.

F.-W. Steinmeier

 

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