1010-untergang-des-schwabenlandes-weidnerSie haben das Automobil, den Hosenträger und Jürgen Klinsmann erfunden, wurden weltweit bewundert und gefeiert für ihren Pioniergeist. Doch binnen weniger Wochen haben die Schwaben ihren guten Ruf auf dem Schlachtfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs geopfert und sind nun der Inbegriff für Technikfeindlichkeit und bürgerlich-dekadenten Vandalismus. Angewidert blickt der vernunftbegabte Rest der Republik auf den schwäbischen Patienten, der im Begriff ist, dem Standort Baden-Württemberg ein für alle Mal den Stecker zu ziehen, was uns freilich nicht weiter jucken müsste, stünde damit nicht zugleich die hehre Idee des Fortschritts per se auf dem Spiel. Und so behält jener unbekannte badische Dichter vielleicht doch recht, der – kurz bevor er an seinen Kässpätzle erstickte – anno dunnemals mahnte: »An Schwabens Wesen wird die Welt verwesen.«

Erneut hat sich die Meute in Bewegung gesetzt.Es ist Montag, und der Protestzug marschiert in Richtung Stuttgarter Hauptbahnhof. Immer mehr Menschen schließen sich dem Tross an. Die Organisatoren sprechen von vier Millionen Demonstranten, die Polizei von zwölf. Vor dem Absperrgitter haben sich mehrere schwangere Frauen platziert, feist grinsend, wissen sie doch, dass ein Ordnungshüter niemals auf Trächtige schießt. In ihren dicken Bäuchen reift neue Widerstandsbrut heran. Nichts scheint sie mehr aufhalten zu können. An einem Laternenmast baumelt kopfüber jener Baggerfahrer, der sich mit seinem Schaufellader jüngst am Nordflügel vergangen hatte. Seine Gesichtsfarbe changiert ins Grünliche. Eine Demonstrantin hatte ihn kurz zuvor mit Schäufele und Sauerkraut gemästet. Das ist die gutbürgerliche Fratze des Terrorismus.

Dann kommt er: Walter Sittler, den sie hier nur noch ehrfurchtsvoll »Imam« nennen. Seine silbermelierten Strähnen bewegen sich im Wind, als wollten sie sagen: »Sehet, wir bewegen uns silbermeliert im Wind.« In seinem früheren Leben, also vor S 21, war Sittler Volksschauspieler, jetzt ist er Volkstribun, und, wer weiß, vielleicht bald schon ein Märtyrer. Von ihm stammt der Spruch: »Wer nach S 21 in einer Vorabendserie mitspielt, ist barbarisch.« Deshalb vermeidet er auch jegliche Reime, wenn er auf der Bühne steht und zu den Leuten spricht. »Sehet die Schwalben«, sagt Sittler, »sie bewegen sich nicht unter der Erde, und doch haben sie freie Bahn!«

Schwer widerlegbare Gleichnisse wie diese bringen selbst seine Kritiker ins Grübeln. Das macht Sittler aus Sicht des Verfassungsschutzes so gefährlich. Soeben noch mit dem milden Tonfall des entrückten Bergpredigers sprechend, reckt Sittler im nächsten Augenblick die geballte Faust gen Himmel, die blutunterlaufenen Augen weit aufgesperrt, den Mund zu einem Furcht einflößenden schwarzen Loch geöffnet, und stimmt mit »O-ben blei-ben! O-ben blei-ben!« den berüchtigten Schlachtgesang an.

Sie wollen keinen unterirdischen Hauptbahnhof. Sie wollen einen Bahnhof mit Tageslicht. Sie wollen eine Tali -Bahn. Deshalb nennen sich die fanatischen Schwaben auch Tali-Bähnle. »O-ben blei-ben! O-ben blei-ben!« , dröhnt es stundenlang durch die Nacht. Stuttgart gleicht einem Vulkan. Und die Leute, die die Stadt mit einem Dialekt, der jeder zivilisatorischen Errungenschaft spottet, zum Beben bringen, scheinen zum Äußersten bereit.

Was treibt diese »Menschen« an? Diese Frage stellen sich auch die Architekten vom Planungsbüro »Speer & Partner«, die mit Deutschlands größtem Verkehrsprojekt seit dem Bau der Autobahnen beauftragt worden sind. Von den Demonstranten wird ihnen eine unsolide Kostenrechnung vorgeworfen, nur weil sie die eine oder andere Null vergessen hatten. Als ob so etwas nicht einmal vorkommen kann, wenn man es mit zehnstelligen Beträgen zu tun hat. Im Übrigen haben »Speer & Partner« längst Maßnahmen vor gestellt, wie sich bei Stuttgart 21 praktisch einsparen lässt. Die neue Trasse zwischen Stuttgart und Ulm soll nur noch in eine Richtung befahrbar sein; die Tunnelröhren auf der Strecke ließen sich aus preiswerter Wellpappe herstellen, und bei der Stuttgarter Bahnhofsgrube könnte man problemlos auf den Überbau verzichten, so wäre zugleich der Streit um das Tageslicht aus der Welt geschafft.

Doch die Protestbewegung schaltet auf stur. Unverhohlen schließen sich rechtschaffene Leutle, die seit hundert Jahren beim Daimler schaffen oder bei Schwäbisch Hall Bausparverträge ausstellen, dem Protestmarsch an. Als Zeichen des zivilen Ungehorsams entfernen sie bei ihrem Mercedes die Klorolle von der Hutablage. Selbst die viel gerühmte schwäbische Hausfrau verfällt dem Wahn des Subversiven, verkommt zum Terrorweib. Weil sie ihre politische Heimat verloren glauben, nennen sich die schwäbischen Hausfrauenbjetzt »Schwarze Witwen«. Vermummt mit geblümten Kopftüchern ziehen sie gegen die Moderne und jede Form des technischen Fortschritts zu Felde, stets eine eigene Meinung suggerierend, als wäre der jahrhundertelange Kampf für ein traditionelles Familienbild in Baden-Württemberg völlig umsonst gewesen.

Längst geht es dieser Bürgerbewegung nicht mehr nur ums Grundsätzliche, sondern ums Allgemeine. Die Demonstranten um Imam Sittler ahnen, dass Stuttgart 21 nur der Anfang ist. Erst komme der Bahnhof unter die Erde und dann der Rest, wird geunkt. In der Tat spricht vieles für solche Pläne. Vom »Stuttgarter Kessel« sprechen die Einheimischen gnädig, doch in Wirklichkeit gemahnt die Landeshauptstadt an ein Plumpsklo in der Landschaft, wo Mutter Natur die dort ansässigen Kreaturen hinter unwirtlichen Hügeln eingeschlossen hat. Hier auf den trostlosen Fildern mutiert selbst das Kraut zu hässlichen Spitzköpfen, an denen man auch die indigene Bevölkerung erkennt. Die Bahngleise, welche die Stadt in zwei gleich triste Teile zerschneiden, wurden von den Stuttgartern bislang vorwiegend dazu genutzt, sich darauf zu legen. Auf dem Fernsehturm, wo sich einem das ganze Grauen auf einen Blick offenbart, wurde ein Warnschild angebracht, das darauf hinweist, die Augen rechtzeitig wieder abzuwenden, weil andernfalls chronischer Trübsinn und/oder eitriger Augenherpes drohen.

Vom amtierenden Oberbürgermeister Wolfgang Schuster wird erzählt, dass er sich, als er Stuttgart zum ersten Mal betrat, spontan habe übergeben müssen. »Unter die Erde damit!«, soll er gerufen haben und fürchterlich auf die Amis geschimpft, weil diese 1944 nicht bereits ganze Arbeit geleistet hätten. Heute traut sich Schuster kaum mehr auf die Straße. Nur gelegentlich schleicht er sich im Dämmerlicht aus dem Rathaus und pinkelt im Schlossgarten gegen einen an eine Birke geketteten Demonstranten.

Im kommenden Frühjahr wählt das Ländle ein neues Landtägle. Zum ersten Mal in der Geschichte des Schwabenlandes droht der CDU der Machtverlust. Stuttgart 21 wird somit zur Schicksalsfrage der südwestlichen Zivilisation. Wo will sie hin? Nach unten und damit aufwärts? Oder oben bleiben und damit abwärts? Schwabens Mob scheint sich entschieden zu haben. Doch Ministerpräsident Mappus hat noch ein Ass im Ärmel. Rechtzeitig vor den Wahlen wird er seine württembergischen Landsleutle darauf hin weisen, dass bei einem Scheitern von S 21 all die schönen Milliarden in den Ausbau der Rheintalbahn flössen, also Baden gehen. Ein Totschlagargument für jeden Schwaben.

Florian Kech

Zeichnung: Kat Weidner

 

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