meisterwerke

Das Schmierenblatt im Allgemeinen

Man schreibt sich dort die Finger wund
und macht Gerüchte rund.
Ein Bourgeois
klaut Münzen im Pissoir,
ein Katholik wird Atheist,
ein Schlepper Moralist,
mancher der über den Dingen steht,
Joints aus Cannabis dreht,
einer steht ohne Makel im Leben
und kassiert in Maskerade eben
Brillis aus ’nem Panzerschrank,
Hartgeld in ’ner Bank
und Scheine gleich im Bund –
na und?
»Journalistische Kostbarkeiten«sind gefragt in uns’ren Zeiten.
So zaubert man’nen Fuchs zum Hahn
und ab und an
’nen Schakal zum Lamm
und im Fieber der Propaganda’
nen Regenwurm zur Anakonda.

Thomas Schmidt, Berlin


Mit spitzer Feder gegen einen Missstand anzuschreiben ist eine der vornehmsten Aufgaben des schriftstellerisch tätigen Menschen. Und da es von Missständen nur so wimmelt, gebietet es die Vernunft, den Missstand sogleich schon im Titel des Werkes zu benennen. Im vorliegenden Fall: das Schmierenblatt.

Im Schmierenblatt greift der Bourgeois ins Urinal, dort werden Katholiken zu Atheisten, da drehen zu Moralisten gewordene Schlepper Joints. Ein Unmensch, den diese »›Journalistischen Kostbarkeiten‹« kalt lassen!

In einer rhythmisch durchaus aufrüttelnden Anklage wird hier dem Schmierenblatt die Maske vom Gesicht gerissen. Was darunter zum Vorschein kommt, ist nichts Geringeres als ein Schmierenblatt.

Könnte einem noch egal sein – »na und?« –, dass Maskierte »Scheine gleich im Bund« kassieren, so muss einen aufrechten Menschen empören, was das Schmierenblatt mit Tieren anstellt. Nicht nur Biologielehrern stehen die Haare zu Berge angesichts solch hanebüchener Metamorphosen. Tierbestimmungsbücher möchte man dem Schmierenblatt schenken. Doch weshalb tut das Schmierenblatt diese fürchterlichen Dinge?

Antwort gibt das Gedicht selbst. Sie steckt in der Ironie. Die Ironie, dass die Anklage in genau derselben Undifferenziertheit geführt wird, die sie beklagt. Wäre das Gedicht sachlich formuliert oder gar metrisch stimmig, kein Mensch wollte es lesen. Durch diese Metaebene verweist das Gedicht auf den Antrieb all derer, die sich »die Finger wund« schreiben: Ruhm. – Der Schakal wird zum Lamm, weil das Schmierenblatt weiß, dass sich Tiergeschichten gut verkaufen.

So wendet sich das Gedicht plötzlich gegen die Leser, die bereit sind, dafür Geld auszugeben, und verweist implizit auf den großen Gegenspieler des Schmierenblattes: das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Effekthascherei und erfundene Geschichten haben dort nämlich keinen Platz.

R. Pfister

 

Kommentare 

 
#3 Stopfkuchen 2013-08-29 11:15
Alle Beiträje an Wegener, B.

Ick meene, ´n bissken Vatrauen für die Ärzte musste schon ham un mit det Cannabis isset so ´ne Sache - macht in ersta Instanz dümmlich - weg damit!
Zitat
 
 
#2 Stopfkuchen 2013-08-29 11:11
Kommentiere icke jetze zu spät?
Wat machste, wenn et draußen noch heißa wird?
Zitat
 
 
#1 wegener beate 2011-06-23 16:33
c'est la vie !
in afghanistan und mexiko kaempfen sie um ihre
cannabis rechte, die die amis wollen!
angebot und nachfrage heisst es ander boerse!
also lasst leben was gefragt ist!
die medikamentencoc ktails mancher aerzte fuehren
auch zum tod!
Zitat
 

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