Wie ich höre, soll der Sportreporter Kai Dittmann eifrig damit befasst sein, dem Verb »verteidigen« eine neue Bedeutung zu verleihen, nämlich die von »abwehren«, obwohl es bislang ja ein Unterschied ums Ganze gewesen ist, ob man jemanden abgewehrt oder verteidigt hat. Im Auftrag des Bezahlsenders Sky sagte Dittmann: »Sakai (HSV) verteidigt Costa (Bayern). « – »Kostic (HSV) verteidigt von Obrashi (Freiburg).« – »Grifo (Freiburg) kommt nicht durch, weil er verteidigt wird von Ostrzolek (HSV).« – »Osako (Köln) wird von Durm (BVB) verteidigt.«

Gemeint war in jedem Fall, dass der Verteidiger den Angreifer nicht verteidigt, sondern abgewehrt habe. Auch der Sky-Reporter Thomas Wagner kann es: »Terodde unter Dauerbelagerung zu verteidigen ist unmöglich.« Womit er sagen wollte, dass es unmöglich gewesen sei, Terodde abzuwehren. Welchen Sinn sollte es auch haben, wenn ein Verteidiger einen Angreifer verteidigte? Anstatt ihn abzuwehren?

Diese Marotte hat jedoch Schule gemacht. »Chelsea verteidigt die Ecke gut«, »Jan Novota verteidigt eine Flanke auf Sanogo schlecht«, »Die Schalker Mauer verteidigt einen Strafstoß von Bremens Zlatko Junuzovic«, »Heidenheim verteidigt einen Einwurf wie eine Schülermannschaft« et cetera: So reden sie daher, die Freunde des runden Leders.

Man könnte kulturpessimistisch werden, denn vor einem halben Jahrhundert saßen tatsächlich noch lauter dudenfeste Profis vor den Mikrofonen und in den Sportredaktionen. In dem liebevoll illustrierten, von Heribert Meisel und Hans J. Winkler herausgegebenen Werk »Fußball 66« findet sich auf mehr als 300 Seiten kein einziger Druck- oder Grammatik fehler, und die Sprache ist von kleistscher Wucht: »Ein zweites Tor muss fallen! Das wissen die deutschen Stürmer, aber sie sind zu hastig oder zu eigensinnig. Beckenbauer versucht schließlich mit scharfen Fernschüssen, den hervorragenden Jaschin ein zweitesmal zu bezwingen ...«

1988 erinnerte sich Eckhard Henscheid schon recht wehmütig an den »Infantilunfug« der nachkriegsdeutschen Fußballberichterstattung, die zwar noch ganz im Zeichen der »Kraft-durch-Freude-Denkmuster« gestanden habe, aber eben auch erträglicher gewesen sei als das Gewäsch der nachgewachsenen Journalisten: »Allemal funzelt diese frühe Aura doch segensreicher als der trostferne Rotz tönt, den heutige Reporterkanonen von den ›Standardsitua tionen‹ bis zu den ›hochmotivierten‹ Beckenbauer-Flaschen tageintagaus zusammengaunern.« Eine Stellungnahme, die Kai Dittmann vermutlich so zusammenfassen würde: »Henscheid verteidigt Beckenbauer-Flaschen.«

Gerhard Henschel

 

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