Liebe Leserin, lieber Leser,

es wäre eine erstklassige Gelegenheit für Markus Weber (CSU) gewesen, öffentlich Rückgrat zu zeigen. Nach all der Empörung, die auf ihn eingeprasselt war, weil er die »finale Lösung der Flüchtlingsfrage« gefordert hatte, hätte er eine große Pressekonferenz einberufen und den Journalisten mit fester Stimme zurufen können: »Ich verlange von all den Parasiten und Untermenschen, die mir NS-Vokabular unterstellen, die totale Entschuldigung, totaler und radikaler, als sie es sich heute überhaupt vorstellen können!« Aber was kam stattdessen? Das übliche lauwarme »Bedauern« über die »missglückte Wortwahl«. Chance verpasst!

Es ist allgemein bekannt, dass die modernen Massenmedien ihren Konsumenten gezielt unrealistische Schönheitsideale vermitteln, damit ihre Werbekunden aus den daraus resultierenden Minderwertigkeitsgefühlen Kapital schlagen können. Besonders ausgeprägt ist dieses Problem im Bereich Leistungssport. Egal, in welcher Disziplin: Wann immer ich Übertragungen von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen verfolge, sehe ich fast nur athletische, austrainierte Körper, die mir den Eindruck vermitteln, ich sei unattraktiv. Um so überraschter war ich, als ich über die Feiertage beim Herumzappen zufällig die Darts-WM einschaltete. »Wie sympathisch, dass da auch die Fans ein paar Pfeile auf der Bühne werfen dürfen«, dachte ich zunächst, bis mir irgendwann dämmerte, dass es sich bei den mittelalten, bierbäuchigen Herren tatsächlich um die Elite dieser Sportart handelte. Sollte mein Kindheitstraum von einer Sportlerkarriere etwa doch noch in Erfüllung gehen können? Hoffnungsfroh und voll von neuem Elan kaufte ich gleich am nächsten Tag eine Dartscheibe und nahm mir vor, von nun an zwei Stunden täglich zu üben (im Büro, versteht sich; zu Hause habe ich zu viel um die Ohren). Zwar wollte sich die Scheibe partout nicht an unseren Gipskartonwänden befestigen lassen, aber das Problem war schnell gelöst: Unser Praktikant hält das Ding jetzt einfach in die Höhe, während ich darauf werfe. Ich werde Sie im Laufe des Jahres regelmäßig über meine Fortschritte informieren.
Alle relevanten Informationen zum Dartsport finden Sie auf Seite 58. Ach so, eins noch: Wir brauchen einen neuen Praktikanten. Bewerbungen bitte an die Adresse im Impressum.

Wer regelmäßig Fußballspiele im Fernsehen verfolgt, hat vermutlich bemerkt, dass sich viele Trainer neuerdings die Hand vor den Mund halten, wenn sie ihren Spielern Anweisungen geben. Das ist selbstverständlich keine alberne Modeerscheinung, sondern, genau wie violette Schuhe, zwingend notwendig. In diesem Fall geht es darum, den Inhalt der ebenso wichtigen wie komplexen Dialoge vor den Fernsehkameras zu verbergen, damit der Gegner keinen Wettbewerbsvorteil erlangen kann. Allerdings gibt es immer wieder Trainer, die im Eifer des Gefechts diese Vorsichtsmaßnahme vergessen. Dies haben wir vom EULENSPIEGEL ausgenutzt und einen renommierten Lippenleser beauftragt, alle derartigen TV-Aufnahmen des letzten Jahres durchzusehen und die Gesprächsinhalte zu restaurieren. Die vollständige Studie werden wir teuer an den meistbietenden Fußballverein verkaufen, präsentieren an dieser Stelle aber schon mal die vier häufigsten Instruktionen internationaler Top-Trainer:
1. »Lauf schneller!«
2. »Schieß härter!«
3. »Spring beim Kopfball höher!«
4. »Spiel weniger schlecht, dafür mehr gut!«
Faszinierende Einblicke, wie ich finde. Mehr zum Thema Lippenlesen finden Sie auf Seite 44.

Mit schnelleren, härteren und höheren Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

 

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