Liebe Leserin, lieber Leser,

die übersteigerten Erwartungshaltungen der Deutschen geben immer wieder Anlass zum Kopfschütteln. Am besten kann man das wohl beim Thema Gesundheit beobachten. Nicht nur, dass viele Menschen schon beim kleinsten Anzeichen von Krebs oder Schädelbruch ihrem Arbeitsplatz fernbleiben, nein, viele von ihnen gehen auch noch zum Arzt und verlangen eine »Behandlung«, die sie wieder »gesund« machen soll – selbst dann, wenn das im Budget ihrer Krankenkasse überhaupt nicht vorgesehen ist! Zum Glück bin ich nicht der Einzige, der das empörend findet: Gesundheitsminister Philipp Rösler ist fest entschlossen, diesen Zuständen ein Ende zu machen. Sein Plan sieht vor, dass Patienten in Zukunft ihre Behandlung gleich vor Ort bezahlen und das Geld später dann mit ein wenig Glück von ihrer Krankenkasse erstattet bekommen. Ein sehr gutes Vorhaben, mit dessen Hilfe wir vielleicht endlich die Heerscharen von Simulanten aus den Wartezimmern spülen können. Aber natürlich melden sich auch hier wieder die Bedenkenträger, die danach fragen, was denn mit Menschen ist, die gar nicht genug Geld haben, um für ihre Behandlung in Vorkasse zu gehen. Nun, zum einen nehmen die Ärzte sicherlich auch gern Kreditkarten, und zum anderen kann es unseren Sozialkassen überhaupt nicht schaden, wenn der eine oder andere Hartz-IV-Empfänger sich gegen einen Arztbesuch entscheidet und daraufhin aus der Statistik fällt, wenn sie verstehen, was ich meine.

Im Grunde meines Herzens bin ich ein Romantiker. Verwegene Träume und uneinlösbare Ideale sind meine Antriebsfedern; spießiger Pragmatismus hingegen ist mir zuwider. Wahrscheinlich bin ich deswegen auch ein so glühender Anhänger des Projekts Stuttgart 21: Wen interessiert es denn, dass es »überflüssig« oder »unvernünftig« ist? Der Bahnhof sieht auf Powerpoint-Folien superschick aus und eignet sich hervorragend für die Einweihung durch einen hochrangigen Politiker – was können da kleingeistige praktische Erwägungen ausrichten? Darüber sollten auch unsere Berufsdemonstranten dringend nachdenken, anstatt wieder einmal die Schlagstöcke der Polizei mit hartnäckigen Blutflecken zu beschmutzen (wofür man sie übrigens in Zukunft in Regress nehmen sollte, aber das ist ein anderes Thema). Nein, Frau Merkel hat ganz recht: Wenn wir heute einen unnötigen Monumentalbau nicht errichten, besteht die Gefahr, dass morgen womöglich andere unnötige Monumentalbauten ebenfalls auf der Strecke bleiben, und das kann ja nun wirklich niemand wollen. Noch viel schlimmere Folgen können Sie auf Seite 36 nachlesen.

Vor einigen Jahren sah es vorübergehend so aus, als würde sich ein neuer Trend in der deutschen Medienlandschaft etablieren: Nachdem nämlich sowohl Sabine Christiansen als auch Maybrit Illner jeweils einen Multimillionär in ihre Sendung eingeladen und anschließend vor den Traualtar gezerrt hatten, konnte man den Eindruck gewinnen, deutsche Fernsehjournalistinnen würden ihre Sendungen hauptsächlich als Ehegatten-Casting betreiben, und unter den Zuschauern wurden bereits zahlreiche Wetten abgeschlossen, wer denn die Nächste sein würde. Aus unbekannten Gründen ist dieser Trend nun allerdings ins Stocken geraten. So lädt sich Sandra Maischberger beispielsweise regelmäßig ganze Rudel älterer Herren ein, weigert sich dann aber hartnäckig, einen von ihnen mit nach Hause zu nehmen, obwohl viele offensichtlich pflegebedürftig sind. Auch Christiansens Nachfolgerin Anne Will möchte partout keinen ihrer Gäste heiraten – kein Wunder, dass die ARD-Bosse ihr den prestigeträchtigen Sendeplatz am Sonntagabend weggenommen haben. Vielleicht kommt sie ja jetzt zur Vernunft und hört endlich auf, sich mit fadenscheinigen Ausflüchten (»bin lesbisch«) aus der Affäre ziehen zu wollen.
Aber wie geht es eigentlich den bereits versorgten Damen heute? Nun, Sabine Christiansen führt hin und wieder in Boulevardmagazinen ihr neues Gesicht vor, während Frau Illner ganz andere Probleme hat, aber mehr dazu auf Seite 20. Übrigens: Ich bin Chef eines Medienimperiums, allerdings verheiratet. Ein Hindernis sehe ich darin aber nicht, Frau Slomka!

Mit allerlei Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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