Liebe Leserin, lieber Leser,

schon seit Längerem stört mich die immer mehr um sich greifende Unsitte von Bürgern, gerichtlich gegen angebliche »Polizeigewalt« vorzugehen. Zwar kommt es glücklicherweise nie zu Verurteilungen, da die angeklagten Polizisten regelmäßig entlastende Zeugenaussagen von Kollegen vorbringen können oder vermeintliche Beweismittel nicht mehr auffindbar sind, aber trotzdem binden diese sinnlosen Verfahren wertvolle Ressourcen. In Zukunft könnte es mit diesem Unsinn viel schneller vorbei sein als bisher, wenn man sich deutschlandweit ein Beispiel an Rosenheim nimmt. Dort nämlich stellte ein Staatsanwalt aufgrund der Angabe einer Zeugin, von der Polizei verprügelt worden zu sein, den Antrag, ebendiese Zeugin für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Auf den ersten Blick eine hervorragende Idee, die allerdings auch ein gewisses Risiko in sich birgt: Denn wer unzurechnungsfähig ist, dürfte wohl auch schuldunfähig sein – und könnte deshalb nicht mehr zur Strafe für seine Anzeige mit einer eigenen Verurteilung wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu rechnen haben. Ich bin sicher, in Polizei und Justiz wird man die Vor- und Nachteile sorgfältig abwägen und schließlich die richtige Entscheidung treffen.

Schon seit geraumer Zeit fragte ich mich an Wahlabenden immer, was denn wohl dieser neue Balken in den Hochrechnungen zu bedeuten hat. War etwa die DSU zurück? – Weil es meine in etwa gleichaltrigen Redakteure auch nicht wussten, fragte ich unseren Praktikanten, der mir ein kurzes »Piraten« entgegenwarf. »Vielen Dank, junger Mann«, antwortete ich, »aber sagen Sie mal, warum wischen Sie eigentlich den ganzen Tag auf Ihrem Telefon herum? Ist das denn inzwischen nicht sauber genug? « Daraufhin verließ er wie immer augenrollend den Raum, und ich setzte meine Recherche fort. Es stellte sich heraus, dass es anscheinend eine »Piratenpartei« gibt, die es in einigen obskuren Bundesländern auch schon ins Parlament geschafft hat. Ich habe grundsätzlich kein Problem mit Spaßparteien, was ich dann allerdings unserer Qualitätspresse entnehmen musste, ließ mir die Zornesröte ins Gesicht steigen: Anscheinend will diese asoziale Chaotenclique hart arbeitende Kulturschaffende wie Dieter Bohlen, Sven Regener, Franz Josef Wagner oder mich einfach enteignen! Ihr Anführer ist wohl ein gewisser »Kim Dotcom«, der jetzt immerhin im Gefängnis sitzt. Der Rest der Bande folgt hoffentlich in Kürze. Weitere skandalöse Details finden Sie auf Seite 22.

Die drei wichtigsten Themen der FDP sind bekanntlich Wachstum, Wachstum und Wachstum. Damit hängt vermutlich auch die derzeitige Lage der Partei zusammen: Ihr aktueller Vorsitzender kann dieses Programm phänotypisch einfach nicht glaubwürdig vertreten. Und nun grätscht auch noch Ilse Aigner dazwischen. Die empfahl kürzlich in ihrer Eigenschaft als Ernährungsministerin den Verbrauchern, Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum einfach aufzuessen statt wegzuwerfen (siehe Seite 40). Ein höchst bedenklicher Vorschlag, nicht nur aus FDP-Sicht: Hier drohen dem Einzelhandel Umsatzverluste in Milliardenhöhe. Meines Erachtens ist unverzüglich eine Beobachtung von Frau Aigner durch den Verfassungsschutz einzuleiten, bevor sie weitere gefährliche Vorschläge wie »Reparieren statt neu kaufen« in die Öffentlichkeit bringen kann, die unsere Volkswirtschaft und damit auch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zerstören. Was die Sache mit dem Haltbarkeitsdatum betrifft, hätte ich noch einen Tipp für den Alltag. Ich nämlich kaufe schon seit Jahren Lebensmittel doppelt. Die eine Hälfte verzehre ich, die andere lasse ich verderben. Anschließend schmuggle ich letztere zurück in den Supermarkt, »finde« sie dort im Regal und beschwere mich lautstark beim Filialleiter, natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass ich bei der Presse tätig bin. Ergebnis: eine zerknirschte Entschuldigung und als Wiedergutmachung ein fetter Einkaufsgutschein, der mich locker über den Monat bringt. So lassen mich steigende Lebenshaltungskosten völlig kalt!

Mit haltbaren Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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