Silodenken

Manchmal laufen einem neue Wörter über den Weg und erweisen sich dann plötzlich als uralt. Bis vor wenigen Wochen hatte ich noch nie das Wort »Silodenken« gehört oder gelesen, und als es sich vor meinen Augen manifestierte, hielt ich es für eine Neuschöpfung. Doch siehe da, es kam bereits 2004 in der Studie »Integrierte Kommunikation – Noch immer keine Selbstverständlichkeit« eines gewissen oder einer gewissen E. Krug zur Sprache: »Das so genannte Silodenken (wichtig ist nur die eigene Abteilung, nicht das Unternehmen als Gesamtheit) oder das Einbehalten von Ideen sind mehr als hinderlich für eine integrierte Kommunikation.« Und dass die Organisationsstruktur von Krankenhäusern durch funktionales und berufsständisches »Silodenken« geprägt sei, stand sogar schon 2002 in Andrea Braun von Reinersdorffs Fachbuch »Strategische Krankenhausführung«. Aus der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre ist die Kritik am Silodenken seither nicht mehr wegzudenken.

»Synonym für diese in dezentralen Organisationsstrukturen verbreitete Dysfunktionalität lassen sich auch die Begriffe ›Ressortdenken‹, ›Bereichsegoismen‹ oder ›Gärtchendenken‹ benutzen«, heißt es auf Controlling-Wiki unter Verweis auf ein »Lehrund Managementbuch« des Ökonomen Dietmar Vahs von 2015, aber »Silodenken« ist prägnanter. Ein gutes Wort für eine schlechte Sache. Wieso habe ich es erst so spät kennengelernt? Tausche ich mich zu selten mit Betriebswirten aus? Bin ich in meinem eigenen Silodenken gefangen? Welche schönen Wörter, die im Garten der Sprache wachsen, mögen mir noch alle entgehen, weil ich zu schlecht vernetzt und interdisziplinär nicht gut genug aufgestellt bin?

Erhascht habe ich kürzlich immerhin den hübschen alten Ausdruck »Furzklemmer« (für Geizhals).
Aber sonst? Sollte ein Schriftsteller in seinem Oeuvre nicht möglichst das gesamte Sprachleben seiner Zeit abbilden? Und sogar Wörter auflesen, deren Bedeutung ihm unklar ist? Wie man das auf elegante Weise machen kann, führte Eckhard Henscheid 2013 in seiner Autobiographie »Denkwürdigkeiten « vor: »Prärogative. Wenigstens einmal in meinem Leben, meinen Werken, spätestens in den Denkwürdigkeiten, möchte ich dieses seltene, würdige, ja denkwürdige Wort doch noch niedergeschrieben haben.«

Nach dem Silodenken und dem Furzklemmer habe ich dem Korpus meines eigenen Werks, wie ich gerade merke, mit diesem Zitat auf eine vielleicht fast noch elegantere Weise nebenbei auch die Prärogative einverleibt, und das sollte für heute genügen.

Gerhard Henschel

 

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