Heteronormativität

»Heteronormativität«, lehrt Wikipedia, »beschreibt eine Weltsicht, die Heterosexualität als soziale Norm postuliert.« Nun zeichnet sich ja schon das Wort »Normativität« nicht unbedingt durch Schönheit aus. Es kommt im Titel wissenschaftlicher Werke wie »Die Normativität kritischer Gesellschaftstheorie als eine Kategorie gesellschaftlicher Vermittlung«, »Soziogenese der Normativität. Zur Emergenz eines neuen Modus der Sozialorganisation« und »Normativität der Natur, Natur der Normativität« vor, und dort gehört es zweifellos auch hin. Woanders würde man es herzlich wenig vermissen. Es spricht sich ähnlich schlecht aus wie das Wort »Rohkostraspel«, mit dem sich jedoch sogleich etwas gut Vorstellbares verbindet. Sucht man unter www.fremdwort.de nach einer Definition von Normativität, so stößt man dort zunächst auf ein wenig hilfreiches Inserat (»Cooler Trick! In nur 6 Schritten von der Unterhose zum Damen-BH«) und dann auf die Frage, ob man »Kreativität« gemeint habe.

Und nun die Heteronormativität. Das älteste Buch in den Beständen der Hamburger Staatsbibliothek, in dessen Titel das Wort vorkommt, heißt kurz und bündig »Heteronormativität«. Es stammt von dem Sozialanthropologen Dieter Haller und ist 2001 in Marburg erschienen. Doch bereits 1999 beschäftigte sich der Sexualforscher Stefan Micheler mit »Heteronormativität, Homophobie und Sexualdenziation in der deutschen Studierendenbewegung« (womit er die Studentenbewegung meinte, doch diesen überholten Namen sollte man vergessen – die Studenten wussten damals einfach noch nicht, dass sie Studierende waren, sonst hätten sie sich anders genannt).

Der früheste Nachweis, den ich selbst auftreiben konnte, entstammt dem 1996 von Waltraud Kokot und Dorle Dracklé herausgegebenen Sammelband »Ethnologie Europas. Grenzen, Konflikte, Identitäten«. Geprägt wurde das Wort »heteronormativity« 1991 von dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Warner. In der deutschen Wikpedia heißt es: »Warner lebt offen homosexuell in New York City und New Haven, Connecticut.« In Helmut Kohls Eintrag heißt es jedoch nicht: »Helmut Kohl lebt offen heterosexuell im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim und in Berlin.«

Diesen Umstand haben wir vermutlich der Heteronormativität zu verdanken. Es mag zwar praktisch sein, diesen Begriff zu haben, aber allen, die ihn gern im Munde führen, sei gesagt: Er ist mindestens so garstig wie die Sache, für die er steht.
Wie wäre es zur Abwechslung mit »Heterospießertum«?

Gerhard Henschel

 

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