Kein Ding

Der Niedergang der Worte »Bitte!« und »Gern geschehen!« ist schon des öfteren glossiert worden. Was fehlt, ist ein vollständiges Verzeichnis der nachgewachsenen Ersatzwendungen.
Da hätten wir zunächst »Gerne!«, »Gerne doch!«, und »Aber gerne doch«; sehr gern auch in der exaltierten Fassung ausgesprochen: »Gäääääääärne!« Man hört es von Boutiquentanten, Apothekern, Bäckern, Metzgern, Zahnarzthelferinnen, Käsethekenkräften, Kellnern und Telefonauskunftgeberinnen, die darin geschult worden sind, Beflissenheit zu heucheln, damit die Kunden bloß nicht denken, sie lebten in einer »Servicewüste«.

Die gemütliche norddeutsche Variante – »Da nich für!« – scheint hingegen ebenfalls auf dem Rückzug zu sein, hart bedrängt von den blindlings gelallten Formeln »Kein Thema!« und »Kein Problem!«, was sich besonders drollig aus dem Munde von Menschen anhört, bei denen man voraussetzen sollte, dass ihnen die Verrichtung ihrer beruflichen Tätigkeit generell keine nennenswerten Probleme bereite: Taxifahrer beispielsweise, Friseusen, Buchhändler, Hautärzte, Floristen oder Fliesenleger. An einem Fahrkartenschalter der Bahn schallten mir kürzlich, als ich mich für mein Ticket bedankt hatte, sogar die bodenlos närrischen Worte entgegen: »Kein Ding!« Hier handelt es sich um misswüchsige Schwundformen der in Ehren ergrauten und verblichenen Erwiderung »Keine Ursache!«, die inzwischen fast alt fränkisch anmutet.

2011 hat das Volk auf www.gutefrage.net darüber diskutiert, ob es angemessen sei, ein »Dankeschön« mit »Kein Problem« zu beantworten. Man könne auch, wie einer der Beiträger vorschlug, sagen: »Stress nicht, sonst Keule.« Interessant. Wenn auch nicht zielführend, um hier zeitnah gleich noch zwei andere lästige Businessvokabeln einfließen zu lassen.
Wo war ich?

Stark im Kommen ist auch »No problem!«, während der Duden »Null Problemo« als bereits wieder veraltete Jugendsprache definiert. Vielleicht werden ja auch »Gerne doch!«, »Kein Problem!«, »Kein Thema!« und »Kein Ding!« irgendwann veralten und vermodern und noch scheußlicheren Floskeln Platz machen. Dieser Paradigmenwechsel dürfte so um das Jahr 2030 herum stattfinden. Es ist mir allerdings ein Anliegen, von vornherein jeden Dank für diese Prognose abzuwehren. Passt schon! Geht in Ordnung! Jederzeit. Es war mir ein Vergnügen. Nichts zu danken. Ist doch selbstverständlich. Hab ich gern gemacht.
Kein Ding.

 

Gerhard Henschel

 

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