Hausmitteilung 09-2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich muss gestehen, dass ich schon ein wenig überlegt habe, ob ich meine Kolumne diesen Monat überhaupt schreiben soll. Wer weiß denn schon, ob es zum Erscheinungstermin dieses Hefts überhaupt noch Menschen gibt, die sie lesen können? Presse und Fernsehen sind sich jedenfalls einig: Die Apokalypse steht bevor! Denn so steht es geschrieben im Buch der Bücher: »Und es wird kommen ein Ungeheuer mit vier Häuptern, und die Häupter werden jedes einen eigenen Namen tragen, und die Namen aber werden lauten Moody’s, Fitch, Standard & Poor’s, und sie werden viel Wehklagen bringen übers Land, und was vormals A war, wird B sein, und was vormals B war, wird C sein, und was aber vorher C war, wird hinweggefegt werden vom Angesicht der Erde. Und der Erdboden wird erzittern und ein gewaltiges Loch wird sich auftun, und in das Loch wird der Dax hineinfallen, und das Loch wird sieben Prozent tief sein, am Ende des Tages aber vielleicht etwas weniger« usw. usf., Sie kennen die Geschichte ja. Aber so schauerlich das alles auch klingen mag – ich will und will einfach nicht depressiv werden. Gestern erst fragte mich ein Redakteur mit leichenblassem Gesicht: »Was ist, wenn es wieder eine neue Hyperinflation gibt mit Brotpreisen von drei Milliarden Mark?« Ich aber antwortete fröhlich: »Das macht mir gar nichts aus, ich esse sowieso nur Kaviar.« Ein wenig mehr von dieser Art Gelassenheit ist uns allen zu wünschen.

Warum sind unsere Medienvertreter eigentlich derart unfähig, die richtigen Schlüsse aus bedeutenden Ereignissen zu ziehen? Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer öfter, zuletzt nach dem Massenmord in Norwegen. Denn auch dort wurde bei der Ursachenforschung wieder einmal das Offensichtliche übersehen: Wenn nämlich der Täter seine Morde deshalb beging, weil er über die zunehmende Präsenz von Moslems in Europa besorgt war – hätte man dann die Tat nicht einfach verhindern können, indem man eben diese Präsenz beseitigt? Und macht sich im Umkehrschluss nicht jeder, der weiterhin »Toleranz« gegenüber Einwanderern übt, schuldig an zukünftigen Gewaltverbrechen dieser Art? Und gehören also derartige Menschen nicht präventiv eingesperrt? Zugegeben, das sind unangenehme Fragen, aber ich bin sicher, Henryk M. Broder wird sie uns demnächst in einem provokanten Spiegel-Artikel korrekt beantworten. Aber nicht nur von den Medien, auch von der Politik bin ich in dieser Angelegenheit enttäuscht – insbesondere von der norwegischen. Keine Kampfhubschrauber am Himmel, keine Panzer auf den Straßen, kein Ausgangsverbot, und auch von hastig durch das Parlament gepeitschten Gesetzesverschärfungen keine Spur. Ja, gibt es denn dort keinen Innenminister? Zwar war immerhin auf unsere gute alte CSU Verlass, die umgehend eine staatliche Überwachung der Internetkommunikation forderte, aber abgesehen davon gab es für meinen Geschmack eindeutig viel zu wenig Panik und sinnlosen Aktionismus. Zum Ausgleich liefern wir deshalb eine entsprechend überhöhte Dosis, und zwar auf Seite 32.

In den regelmäßig wiederkehrenden Debatten über eine mögliche Reformierung des Politikbetriebs wird oft mehr Basisdemokratie gefordert. Diese ist jedoch kein Allheilmittel, wie niemand besser weiß als die SPD. Mit Schrecken erinnern sich sowohl Funktionäre als auch einfache Mitglieder noch heute an das Jahr 1993, als in einer Urabstimmung ein sabbernder, sprachbehinderter Idiot zum Parteivorsitzenden gewählt wurde und später sogar als Kanzlerkandidat antreten durfte – in einem Wahlkampf, in dem Helmut Kohl zum ersten und letzen Mal in seiner gesamten politischen Laufbahn seinem Gegner intellektuell überlegen war. Zwar versuchte die Partei noch, das Schlimmste zu verhindern, und stellte ihrem Vorsitzenden zwei Betreuer zur Seite, doch es war nichts mehr zu retten. Diese Konstruktion nannte sich »Troika«, und es erstaunt ein wenig, dass man in den Reihen der SPD für die Bundestagswahl 2013 laut über eine Neuauflage nachdenkt. Hofft man womöglich, dass die Kanzlerin sich totlacht? Die Antwort finden Sie eventuell auf Seite 30.

Mit troien Grüßen

 

xxx
Chefredakteur

 

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