Liebe Leserin, lieber Leser,

fühlen Sie sich oft niedergeschlagen und antriebslos? Grübeln Sie darüber, ob Ihr Leben überhaupt einen Sinn hat? Starren Sie oft stundenlang die Wand an und reagieren gewalttätig, wenn man Sie dabei unterbricht? Dann habe ich gute Nachrichten: Statt einer teuren Psychotherapie brauchen Sie in Zukunft womöglich nur noch ein Glas Leitungswasser! Österreichische Forscher haben nämlich herausgefunden, dass eine hohe Lithium-Konzentration im Trinkwasser mit einer niedrigen Suizidrate korreliert – und nun wird heftig diskutiert, ob man das freundliche Leichtmetall künstlich ins Trinkwasser einspeisen sollte. Ich bin jedenfalls dafür. Man gibt doch bereits jetzt jede Menge Hormone ins Fleisch, damit unsere Kinder groß, stark und androgyn werden, warum also sollte dem Wasser der technische Fortschritt vorenthalten werden? Bei der Gelegenheit möchte ich mich gleich noch persönlich an die Stadtwerke wenden: Bitte tut doch außer dem Lithium noch ein paar Aspirin ins Wasser, falls ich mal Kopfschmerzen habe. Samstagmorgens die doppelte Dosis. Danke.

Zu meinem großen Bedauern muss ich immer wieder feststellen, dass wir in einer enorm egoistischen Welt leben. Zuletzt vor gerade mal einer Woche, als mir ein Obdachloser am Hauptbahnhof trotz höflichster Nachfrage kein Geld fürs Taxi auslegen wollte – wäre da nicht der Polizist mit seinem Schlagstock gewesen, hätte ich tatsächlich mit dem Bus fahren müssen. Ähnliche Erfahrungen machen auch Menschen, die auf eine Organspende warten: Viele potenzielle Spender wollen ihre Organe nämlich einfach für sich behalten. Manchmal, das gebe ich zu, haben sie dafür gute Gründe; so ist die Anzahl von Augenspendern deutlich zurückgegangen, seit immer mehr Kinofilme in 3D gezeigt werden. Aber es gibt zum Glück auch positive Gegenbeispiele. So spendete mir die Tochter meiner Sekretärin vor Kurzem ihre Leber – eine tolle Aktion, die uns beiden hilft: Ich bin für die nächsten Redaktionssitzungen gerüstet, und ihre Mutter verfügt weiterhin über einen Arbeitsplatz. Übrigens gehen auch einige Prominente mit gutem Beispiel voran, wie beispielsweise die ARD-Moderatorin Monica Lierhaus, die kurzerhand Teile ihres Gehirns spendete, nachdem sie eingesehen hatte, dass sie in ihrer Branche sowieso kein komplettes Exemplar braucht. Näheres zum Thema Organspende erfahren Sie auf Seite 38.

Wie Sie sicher alle wissen, findet in diesen Tagen die Fußballweltmeisterschaft der Frauen statt. Lange Zeit war das ja eine recht fragwürdige Veranstaltung. Ich erinnere mich noch mit Schrecken an die WM 1991, als es nur zwei Teilnehmer gab, weil die anderen eingeladenen Teams den Sportplatz nicht gefunden hatten. Im Finale siegte übrigens damals die Sowjetunion mit 38:0 gegen Deutschland, was zum einen daran lag, dass sich mehrere deutsche Spielerinnen kurz vor Anpfiff dazu entschlossen hatten, lieber shoppen zu gehen, und zum anderen daran, dass mindestens drei Russinnen in Wirklichkeit Männer waren. Aber diesmal ist ja alles anders: Es wird ein wunderbares Fest der Freude, ein Sommermärchen vom Allerfeinsten, für das fast alle Karten bereits abgesetzt sind. Gut, ob die Schüler, an die sie kostenlos verteilt wurden, auch alle erscheinen, oder ob sie die angebotenen Freistunden lieber anderweitig nutzen, ist noch ungeklärt. Aber muss man denn wirklich immer alles kritisch hinterfragen? Wir vom EULENSPIEGEL jedenfalls haben uns von den Journalistenkollegen anstecken lassen und werden deshalb in diesem Heft ebenfalls so tun, als würden wir uns für Frauenfußball interessieren. Lesen Sie deshalb bitte unbedingt unsere diesbezügliche Berichterstattung auf Seite 30 – der Autor hat sich wirklich viel Mühe gegeben, sein Desinteresse zu verbergen!

Mit uninteressierten Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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