Lebt eigentlich Wolfgang Thierse noch?

Lebt eigentlich Wolfgang Thierse noch?Um Thierse haben wir uns oft sorgen müssen. Dafür gab es Gründe: Thierse hielt immer mal über lange historische Phasen abrupt den Mund unterm Bart, um dann aus heiterem Himmel die ostdeutsche Identität zu beschwören, wozu sehr, sehr viel Mut gehörte. Nun war er wieder lange still, was auch daran gelegen haben mag, dass er für den Rest des Tages erledigt ist, wenn er sich einmal die Treppe runter auf den Kollwitzplatz zum Schrippenholen und wieder rauf geschleppt hat. An seinem Porträt, das bei uns in der Kaffeeküche hängt, schlichen wir in dieser Schweigezeit bedrückt vorbei.

Doch jetzt – stilsicher und meinungsstark – hat er sich geäußert. Thierse tat sich dereinst schwer mit der Idee, zur Erinnerung an die Wiedervereinigung eine große Wippe zu installieren, auf der Rentner kreischend hin– und herrennen.

Er hätte es lieber gesehen, eine bedeutende Persönlichkeit der Revolution hätte auf dem kaiserlichen Sockel gestanden und gefasst in die Zukunft geblickt. Er hätte einen Vorschlag zu machen gehabt, eine Persönlichkeit für deren Moral und Eloquenz er garantieren könne …

Zwei Jahrzehnte später fand er auch die Wippe gut, nannte sie »ein Mahnmal des historischen Glücks« (nur Thierse kann so verwegen formulieren!), denn ihm war versichert worden, Ordnungskräfte am Fuße des Gerätes würden das geschichtsvergessene Wippen von Ex-Kommunisten zu verhindern wissen. Heute, da man die Wippe vergessen kann, beklagt er, der Bundestag, der ihren Bau beschloss, sei nun blamiert, man könne ihn genauso gut abschaffen.

Es sei denn, man erinnert sich doch noch jenes Mannes, der – wenn auch berentet – wie kein zweiter für die Berliner Schrippe und gegen den für Anwohner lästigen Marktlärm auf dem Kollwitzplatz und das Urinieren in Hauseingänge eingeschritten ist. Dem habe Deutschland einiges zu verdanken.

Mathias Wedel

 

---Anzeige---