Lebt eigentlich der Künstler Ai Weiwei noch?

Lebt eigentlich Ai Weiwei noch?Die Frage ist berechtigt: Viele, die sich in diesen Tagen mit der Hoffnung aufmachen, in Europa, möglichst in Deutschland, aber nicht in Sachsen-Anhalt ein besseres Leben führen zu können, finden dabei den Tod. Ai Weiwei aber tappelt beschwingt durch den Münchner Flughafen, auf Kind und Gattin zu, ein lustiger Greis. Er hat sogar jede Menge Gepäck dabei (die 6000 alten Hocker, die er mit Vorliebe als eines seiner Hauptwerke präsentiert, komischerweise diesmal nicht) – die Tausenden Leidensgenossen auf der Flucht höchstens Hemd und Hose. Auch wirft er bei der Einreisekontrolle seinen Pass nicht weg, wie es Flüchtende häufig tun. Warum auch? Er flieht aus der letzten kommunistischen Diktatur, wenn das kein Asylgrund ist!

Trotzdem wäre es natürlich von Nutzen, könnte er jetzt bei der Schilderung der seelischen und körperlichen Folter, die ihm die Kommunisten angetan haben, etwas episch werden. Aber das ist schwer. Die Süddeutsche Zeitung bittet, er möge doch, wie einst Jesus, seine Wunden vorzeigen. Da ist aber nichts, und das Blatt titelt verzweifelt »Gezeichnet von der Gängelung «. Von Gängelung! In dieser Weise »gezeichnet« ist doch jeder Mann nach zehn Jahren Ehe!

Im Morgenmagazin von ARD und ZDF (»… es ist uns eine Ehre!«) sitzt Ai Weiwei (die deutschen Nachrichten haben ihm den Vornamen »Künstler« angehängt: »Der Künstler Ai Weiwei kommt nach Deutschland«) breit und fröhlich auf dem Sofa. Er soll jetzt schnell mal sagen, wie es ist, von der Diktatur in die Freiheit zu kommen. Er sagt: »Als ob man von einem Ufer ans andere schwimmt.«

»Und, wie fühlt sich das an?« – »Ich bin trocken.«
Er ist trocken! Gibt es eine eindringlichere Metapher für das, was dieser großartige Kämpfer durchgemacht hat, dem man Steuerbetrug unterstellte – es ging um das Geld, das er im Westen mit alten Hockern verdiente?

Und sonstige Leiden? »Die chinesischen Behörden haben ihm seinen Pass ohne nennenswerte Bedingungen zurückgegeben«, schreibt die SZ etwas konsterniert. Die einzige nicht nennenswerte Bedingung war wohl, dass er ihn nicht verbummeln möge.
Alles Schikane, natürlich! Im »MoMa« enthüllt der Künstler Ai Weiwei: Der chinesische Geheimdienst weiß zum Beispiel sogar, dass er jetzt im Studio vom Morgenmagazin sitzt (denn wahrscheinlich hat es Ai Weiwei schon am Vortag gepostet).
»Woher wissen Sie das, dass der das weiß?« – »Er hat Möglichkeiten, mich das spüren zu lassen!« Oh, schweres Dissidentenleben!

Jetzt will der Künstler Ai Weiwei, schreibt die Berliner Zeitung, dafür sorgen, dass China ein modernes Land wird. Und das geht am besten von Berlin-Prenzlauer Berg aus.

Matti Friedrich

 

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