meisterwerkeMeisterwerk

Wie hat sich Gott die Liebe zweier Menschen vorgestellt? Wie hat er sich das gedacht, als er Adam und Eva erschuf? Sollten sie für immer unschuldig wie die Kinder im Paradiese bleiben, nicht wissend, wozu die Dinge an ihren Leibern da sind? Wie hätte der Mensch sich fortpflanzen sollen? Hätte er instinktiv gewusst, warum des Mannes einäugige Hosenschlange dahin zeigt, wo sie – wie auf diesem Gemälde so schön dargestellt – hinzeigt, nämlich in die Lustgrotte Evas?

Seien wir ehrlich: Gott hat nicht nachgedacht. Gott ist Romantiker. Und zwar ein unheilbarer. Liebe ist für ihn nur platonisch unschuldig oder sie ist gar nicht. Zu diesem Zweck hat er die Scham erfunden, die beide Liebenden befällt, sollten sie am Baum knabbern, auf dem das lila Sperma hockt. Sobald der Mensch ins Fleischliche abdriftet, soll ihn die Scham befallen, und er soll sich mit Blättern bedecken, das waren seine Gebote.

Doch der Mensch erweist sich als schamlos. Deshalb ist Adam bis zum Knie einbeinig: Damit nichts von dem Körperteil ablenkt, das er stolz präsentiert. Gott hat sich verrechnet: Der Mensch schämt sich seiner Triebe nicht, er lebt sie aus. Gott ist der einzige, dem Nacktheit peinlich ist. Er hat die zahllosen Sexportale im Internet nicht erschaffen. Die sexuelle Selbstbestimmung übersteigt seinen Horizont. Er mag den Menschen lieber sündig. So sehr wir auch die Einstellung Adams und Evas in unserer heutigen Welt teilen und die Angebote im Internet, die Freizügigkeit zu schätzen wissen, so müssen wir doch auch zugeben, dass die Liebe, dass die Romantik dabei auf der Strecke bleibt.

Muss ich Adams halb erigierten Penis wirklich so unverhüllt immer vor Augen haben, so wie es mir geht, seit ich dieses Gemälde gesehen habe? Hätte es nicht genügt, dieses faszinierendste aller Organe unter einem Stringtanga nur anzudeuten, auf dass man sich später beim Anblick der ganzen Pracht umso mehr freuen kann?

Vielleicht fehlt uns doch hin und wieder ein wenig die Scham, und vielleicht hat der alte Mann und Schöpfer ja doch irgendwie auch recht.

F. von Lovenberg

 

---Anzeige---