meisterwerke

Lieber Gott, wir danken Dir ...

Was ist denn heut’ in Erfurt los?

Ein Haufen Bullen, es ist grandios!

Die Blumenstadt lässt herzlich grüßen,
sie liegt einem Promi heut’ zu Füßen.

Die Vöglein verkünden es in den Straßen:

»Der Hirte kommt zu seinen Schafen!«

[...] Die Geschäfte sind zu, Wohnungen geräumt,

davon hat nun wirklich keiner geträumt.
Für 700 Euro sind privat Zimmer zu haben,
ein Schnäpchenpreis, der schlägt auf den Magen.

Die Fressbudenbesitzer sind auch zugelassen,

für einen Stand - Preis, der ist nicht zufassen.

Ein Führungszeugnis muss außerdem her,

das wundert nun wahrlich auch keinen mehr.

Eine Autobahn wurde extra erweitert,

was nicht jeden Steuerzahler erheitert.

Die Gullydeckel sind verschweißt,

Joseph und Angie angereist.

Alle sind happy, nur Frau Merkel ist sauer,

denn sie ist bekanntlich voller Trauer.

Hat der Papst etwa daran gedreht,

dass ihr Vater in den Himmel geht?

DOCH WIR FREUEN UNS ALLE, WIE VERRÜCKT,
DER PAPST IST DA, GOTT, WELCH EIN GLÜCK!!!

Frank Johannes Mehnert, Arnstadt


Dichtkunst und Religion kommen aus einer gemeinsamen Wurzel. Dichter und Gläubige vereint ihre Verbindung zum Urgrund des Seins: Gott. Sowohl das Gedicht als auch das Gebet entgrenzen, transzendieren, holen das Göttliche auf die Erde. – Kann es also etwas Tiefsinnigeres geben als geistliche Lyrik, wie wir sie hier sehen?

Lieber Gott, wir danken dir… sträubt sich gegen den alles verschlingenden Zeitgeist. Endlich ein Gedicht frei von dieser schrecklichen Dauerironie! Ja, es ist ein Glück: Der Papst ist da. Und die Menschen bringen ihm die Ehre entgegen, die ihm gebührt. Nur die Reinen, die frei sind von Schuld und Sünde, sind anwesend (»Ein Führungszeugnis muss her«), die Arbeit ruht (»Die Geschäfte sind zu«), und die Gullydeckel sind verschweißt (»Die Gullydeckel sind verschweißt «).

Wie Jesus bei der Tempelreinigung möchte der Dichter wüten angesichts der »Fressbudenbesitzer« und Wucherer, die nur an Privatleute Zimmer vergeben. Hier mischt sich aufs Gottgefälligste eine detektivische Beobachtungsgabe mit religöser Schwärmerei, die begeistert davon berichtet, wie der Glaube die Welt verändern kann (»Autobahn extra erweitert «). Doch zum Glaube gehört auch der Zweifel. War es wirklich nötig, dass der Papst den Vater unserer Frau Bundeskanzlerin umbringt, um sie von der falschen Lehre ihres heidnischen, also nichtkatholischen Glaubens zu überzeugen? Lasst uns dafür beten, dass diese Drohung bei ihr angekommen ist.

M. Matussek

 

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