meisterwerke
Meisteerwerk

Es ist schlecht bestellt um die Wiege der Demokratie. Düster ist die Stimmung, die Moral so brüchig wie die antiken Tempel Athens. Man sieht es an diesem Werk. Ein Mann, muskulös, steht im Zentrum. Er trägt das Signum aller Europäer mit sich: die EU-Halskette, die er wie eine Medaille stolz vor sich her trägt. Ein deutscher Europäer ist er nicht, denn er trägt keine Socken in seinen Sandalen. An seinen Füßen aber erkennt man ihn: Es ist der griechische Held Achilles. Von seiner Mutter in den Unterweltfluss Styx getaucht, wurde er unverwundbar – bis auf die Stelle, an der ihn seine Mutter festhielt: der Ferse.

Um die Laune des Helden ist es nicht gut bestellt, denn er hat schwer zu tragen, sind an seinen zerschlissenen Rock doch zwei Gewichte gekettet. Den Rock deshalb auszuziehen kommt aber nicht in Frage – was sollte der Adler links im Bild sonst denken? Also trägt er die Gewichte, damit sie die Kleidung nicht zu Boden ziehen. Die Gewichte sind: der Euro auf der einen, »Kurruption«, »Gier«, »Hass« und »Verrat« auf der anderen Seite. Wohin er eilt, bleibt offen, klar jedoch ist: Weit wird er nicht kommen, denn just an der einzig verwundbaren Stelle traf ihn ein Pfeil. In der alten Sage stammt er von Paris, hier kommt er wohl eher aus Berlin. Rechts oben im Bild hat es auch eine junge Dame erwischt: In ein bauchfreies Top mit der Aufschrift »Europa « und in einen in griechischer Ornamentik gebatikten Schlüpper gehüllt, wurde sie hinterrücks von einer Lanze durchbohrt. Wahrscheinlich auch aus Berlin.

Die Schuld für seine Verletzung aber trägt Achilles teilweise auch selbst: Wenn ich nur an der Ferse verwundbar bin, zieh’ ich mir halt anstelle der Schienbeinschoner vernünftiges Schuhwerk an, am besten irgendwas mit Stahlummantelung.
Naja, der Grieche eben.i

R. Safranski

 

 

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