meisterwerke

1. Vorm Spiegel steht ein Zivilist
und stellt fest, dass zu viel er isst.
2. Es ist unanständig aber inzwischen populär,
dass auf dem Gehweg macht ein Hund den Popo leer.
3. Warum ist mancher ein Kapitalist?
weil bei ihm sehr viel Geld zu finden ist!
4. Mein Nachbar greift nach dem Katapult
wenn ein Hund an sein Gatter pullt.
5. Vor jedem Hohen Gericht
Wird ausgekippt mancher Kehricht!
6. Im Separee von Huren
ticken zwecks Bezahlung Uhren.
7. Es sprach der uralte König:
»Trete ich ab oder gehe ich?«
8. Unser Hahn ist so kreativ,
mal kräht er hoch und mal tief.
Walter Feix 

Die Feinsinnigsten und Sensibelsten fühlen sich seit jeher zur Poesie berufen. Doch vor allem in kommerzieller Hinsicht gilt im Literaturbetrieb die alte goethesche Formel: Die Lyrik hat es schwürig. Dichten kann jeder, heißt es. Denn zu einfach scheint es heutzutage, sich mit Hilfe einschlägiger Lexika und rückläufiger Wörterbücher einen Reim zu machen. Nicht so im hier vorliegenden Werk, bei dem sich die Wörter widerspenstig zeigen und damit erst zum Leben erwachen. Mit ewigen Weisheiten haben wir es bei den Zweizeilern zu tun, die – jeder für sich – eine ganz eigene Welt eröffnen.

Nehmen wir z.B. Opus Nr. 4: Dem Autor gelingt hier mit leichter Hand und in nur wenigen Worten das Porträt eines Nachbarn, mithin also eines Menschen, wie ihn jeder kennt, denn schließlich: Nachbarn haben wir alle. Dieser Nachbar hat sich einen Verschlag gebaut, er hat ein Gatter um sich herum errichtet, die Welt aus-, sich aber selbst damit eingesperrt. Den natürlichen Gang der Dinge möchte der Nachbar gewaltsam aufhalten, ein natürliches Bedürfnis, das jeder lebenden Kreatur innewohnt, möchte er unterbinden.

Aus ihm spricht – darin dem Homo faber Max Frischs nicht unähnlich – die Angst vor dem Verlauf der Natur, an dessen Ende immer das Unausweichliche steht. Doch genau diese Todesangst ist es ironischerweise, die den gewalttätigen Nachbar schon zu Lebzeiten wie tot wirken lässt. – Wahrlich ein Meisterwerk!

Die Vielfalt der Themen, die auf so wenig Raum umfassend und tiefsinnig behandelt werden, ist bestechend. Ob beim Hinterfragen der Essgewohnheiten von Zivilisten, beim Anprangern der hündischen Unsitte, die Notdurft auf dem Trottoir zu verrichten, oder beim Lob der Stimmgewalt des männlichen Haushuhns: Hier werden heiße Eisen angepackt und zu erstaunlichen Versen geschmiedet.
Nicht immer frei von Stereotypen, letztlich aber aktuell und erhellend. Eine echte Lesefreude!
D. Scheck

 

 

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