Hausmitteilung

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor wenigen Wochen hat die Deutsche Bischofskonferenz nach langen Beratungen ihre brandneuen sogenannten »Missbrauchs-Leitlinien« beschlossen und der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Vorfeld war die Spannung groß, vor allem natürlich bei katholischen Geistlichen: Was bleibt erlaubt, was wird verboten? Und auch Sie, liebe Leser, sollten über das Thema Bescheid wissen, weshalb ich Ihnen an dieser Stelle einige der interessantesten Neuerungen vorstelle möchte:
- Für Schweigegeldkonten wird die doppelte Buchführung verbindlich eingeführt, um versehentliche Mehrfachzahlungen zu vermeiden. 
- Zur Herstellung von mehr Geschlechtergerechtigkeit sollen bis zum Jahr 2015 mindestens zwanzig Prozent der missbrauchten Kinder Mädchen sein.
- Kinder unter zwölf Jahren dürfen nur noch bis 18:30 Uhr angefasst werden (im Sommer bis 19:30 Uhr). Ausnahmen müssen schriftlich beim Papst beantragt werden.
- Als vorbeugende Maßnahme werden in Zukunft Kinder nicht mehr zum Ministrantendienst zugelassen, wenn sie zu sexy sind. Die Einstufung nimmt ein dreiköpfiges Gremium unter Vorsitz eines Bischofs vor.

Wie war das eigentlich damals im Mittelalter mit der Hexenverfolgung? Im wesentlichen sah es so aus: Die vermeintlichen Hexen waren einflussreiche Angehörige der Oberschicht, die politische Ämter ausübten oder auch gut dotierte Versorgungsposten bekleideten. Weil sie da aber zu wenig zu tun hatten, wurde ihnen irgendwann langweilig, und sie begannen, Hetzschriften gegen Minderheiten unters Volk zu bringen, wobei sie von einflussreichen Freunden tatkräftig unterstützt wurden. Wenn dann der Trubel überhand nahm, wurden sie im schlechtesten Fall von ihrem Posten entbunden, erhielten eine stattliche Pension und hassten anschließend als Privatpersonen weiter. Wie bitte? Diese Beschreibung ist völlig abstrus und hat mit den historischen Tatsachen nicht das Geringste zu tun? Soso – dann erkären Sie mir doch bitte mal, warum allerorts und nicht zuletzt von meinem überaus geschätzten Topjournalistenkollegen Henryk M. Broder zu hören ist, es fände derzeit eine »Hexenjagd« auf den populären Sozialdemokraten Thilo Sarrazin statt? Sehen Sie, das können Sie nicht, jedenfalls nicht, ohne ausfallend zu werden. Das aber kann wiederum niemand besser als Herr Sarrazin selbst, da kann sich unsere Analyse auf Seite 36 noch so sehr anstrengen.

Eines vorweg: Ich bin ein großer Fan von Christoph Schlingensief. Ich mag die meisten seiner Aktionen, und seine künstlerische Leitlinie, mit möglichst wenig geistigem Aufwand maximale Aufmerksamkeit zu erzielen, war eine große Inspiration für mein eigenes Schaffen. Allerdings muss ich gestehen, dass mich seine letzte Performance (»Krebstod«, Besprechung auf Seite 52) ein wenig ratlos zurückgelassen hat. Nicht nur, dass das Timing überhaupt nicht stimmte (das Begleitbuch war bereits im Vorjahr erschienen); es bleibt auch völlig unklar, was der Künstler uns damit sagen möchte. Dass wir alle sterblich sind? Diese Aussage erscheint ein wenig zu naheliegend, ja beinahe trivial. Oder sollte vielleicht der Voyeurismus der medialen Öffentlichkeit entlarvt werden? Das wiederum haben unter anderen seine Kollegen Dirk Bach und Sonja Zietlow schon deutlich überzeugender präsentiert. Doch wir sollten uns über diesen einen Ausrutscher nicht allzu sehr grämen, sondern stattdessen nach vorn schauen und uns auf seinen nächsten, bestimmt wieder viel gelungeneren Auftritt freuen. 

Mit todsicheren Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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