Es gibt Tage, …

... da wünscht man sich als bekannter Hauptstadtjournalist, man wäre ein ganz kleines bisschen weniger bekannt! Das hat mit dem grassierenden Zeitungssterben zu tun. Denn jetzt herrscht Panik im Hühnerhof meiner Kollegen. Von Hamburg bis München flattern sie herum und gackern, was sie für tolle Kerle sind und was sie für eine freche Feder vor sich hertragen. Nach einem reichen Leben voller Praktika sind sie auf der ersten festen Stelle angekommen, Anfang 40, schon ziemlich kahl und mit topmodischen Brillen versehen. Die Frauen haben sich dank Fitnessstudio, wenigem und nur sehr ausgesuchtem Sex und konsequenter Kinderlosigkeit gut gehalten. Sie stecken voller nie versiegender Ironie und machen ihre Blätter immer bunter, witziger und internettiger.

Jetzt kriege ich Anrufe, ob ich nicht vielleicht was wüsste … und man würde sogar (!) für den EULENSPIEGEL und so, und ich hätte doch so prima Verbindungen, und selbst als Pressetante in einem Ministerium oder bei der Volkssolidarität wäre man sich nicht zu schade. Auch eindeutige Angebote erreichen mich: »Kecke kleine Börsen-Redakteurin macht es dir in 30 Zeilen!«

Ich komme natürlich auch ins Grübeln. Ich grüble darüber nach, warum nicht alle Zeitungen sterben, sondern nur einige, und welche das sind. Ich sage es Ihnen: Es sind die, die den Kapitalismus am liebsten haben, die über Demokratie nur mit Pathos fabulieren können und für die Marktwirtschaft Gottes Gebot ist. Ihre Blätter sind Pflichtblätter an der Börse, in den Lobbyverbänden, in den Fliegern nach Brüssel und liegen bei den Staatssekretären morgens um sieben auf den Schreibtischen. Aber nicht bei den Leuten auf dem Küchentisch. Nein, ich bin nicht schadenfroh. Aber seit ich die Gesetzmäßigkeit des Zeitungssterbens herausgefunden habe, weiß ich, welches Blatt als nächstes dran ist. Und ich weiß, wer übrig bleibt: Die Anarchisten! – Landlust, EULENSPIEGEL, Wild und Hund (seit 1894) und junge welt.
Man liest sich!

Atze Svoboda

 

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