Zynisch

In dem Wiewort zynisch erblickte Eckhard Henscheid 1993 »die Allzweck-Ressentiment-Vokabel aller moralisch Bessergestellten und sich vor allem besser Dünkenden« und somit das »Dumm- und Totschlagwort des Jahres; wo nicht des Jahrzehnts«. Wer oder was aber ist nun tatsächlich zynisch? Oscar Wilde, dem man es nachsagte, weil er die sexuelle Ethik des Christentums geringschätzte, wies den Vorwurf zurück: »Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur Erfahrung – das ist so ziemlich dasselbe.«

Realisten, die sich abfällig über das Menschengeschlecht äußern, werden von ihren gutherzigen bis treudoofen Zeitgenossen gern mit Zynikern verwechselt und mit dem begrifflichen Zweierset »zynisch und menschenverachtend« eingedeckt, obwohl ein empfindsames Gemüt und die Verachtung der eigenen Spezies einander ja keineswegs ausschließen müssen. »Das Experiment Mensch, das stinkige« (Arno Schmidt): Man kann es ohne jeden Anflug von Zynismus verächtlich finden.

Der Versuch einer Definition des Zynischen ist öfter gewagt worden als die Besteigung des Hermannsdenkmals und seltener geglückt als die Befruchtung eines Stuhls. Auf gar keinen Fall kann man es so machen wie die Autorin Alina Gause 2011 in ihrem Buch Warum Künstler die glücklicheren Menschen sein könnten (»Künstler unter dem Aspekt zu betrachten, ob sie auch verrückt genug sind, um echte Künstler zu sein, ist zynisch«).

Nein. Was zynisch ist, lässt sich am besten an einem Beispiel illustrieren: Zynisch ist es, den Eltern eines minderjährigen Sexualmordopfers die Bude einzurennen, ein intimes Tagebuch des Opfers zu erbeuten und es journalistisch auszuschlachten und mit redaktionellen Krokodilstränen zu garnieren.

Das ist die plausibelste Definition, die ich kenne, und ich kenne sie gut, denn sie stammt von mir selbst. Ich hatte sie 2006 in meinem Gossenreport über die Bild-Zeitung untergebracht – und damit schief gelegen, wie ich jetzt, mit einiger Verspätung, der 2009 von der Geisteswissenschaftlerin Christine Mewes publizierten Studie Darstellungen der Bild-Zeitung im deutschen Spielfilm entnehme. »Die Bild-Gegner«, muss ich da lesen, »werden satirischer und tendenziell humoristischer. Eine Ausnahme davon ist Gerhard Henschel, der 2006 in seinem Gossenreport eine äußerst bissige und zynische Klage gegen Bild führt«. – Vielleicht können wir uns ja auf eine neue Definition verständigen: Zynisch ist es, dem Zynismus der Kloakenpresse humorlos gegenüberzutreten und …
Ach. Ich geb’s auf.
»Goldene Worte« erscheint demnächst als Buch

Gerhard Henschel

 

Kommentare 

 
#1 P.J. 2013-05-31 10:03
Gekauft !
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