Liebe Leserin, lieber Leser,

das Jahr war schon fast vorbei, im Fernsehen liefen bereits die Rückblicke – da platzte auf den allerletzten Drücker noch die Hammernachricht schlechthin herein: Der Papst twittert! Da ich ja bekanntermaßen ein Technikfreak und immer am Puls der Zeit bin, verschob ich sofort den Redaktionsschluss, ließ eine Doppelseite im Heft zu diesem Thema reservieren und wies meine Sekretärin an, zweimal täglich die neuesten Verlautbarungen des Heiligen Vaters auszudrucken und per Rohrpost an meinen Schreibtisch zu senden, wo ich schon mit gezückter Gänsefeder wartete. Allerdings muss ich inzwischen enttäuscht konstatieren: Bis jetzt war noch nichts Interessantes von Benedikt XVI. zu lesen. Um genau zu sein: Es kam insgesamt noch nicht eine einzige Nachricht! Das kann doch unmöglich so weitergehen? Nein, im Interesse aller Katholiken und meiner schönen Doppelseite fordere ich Herrn Ratzinger hiermit ultimativ auf, innerhalb der nächsten 24 Stunden mindestens einen der folgenden Tweets abzusenden:
- »@protestanten: Luther ist übrigens immer noch tot, ROFL!«
- »Gerade aufgestanden und Kajal nachgezogen. Der Tag kann beginnen!«
- »Verdammte Politesse hat gerade mein Papamobil abschleppen lassen! #Fegefeuer«

Auch wenn das Klischee etwas anderes besagt, sollte man die Belastungen des Politikerlebens keinesfalls unterschätzen. Ich möchte jedenfalls kein Parlamentarier sein: Stundenlang während einer Debatte im Plenum herumzusitzen, ohne zu wissen, worum es geht, um dann bei der Abstimmung genau im richtigen Moment synchron mit dem Fraktionsvorsitzenden die Hand zu heben – das erfordert ein enormes Maß an Konzentration. Wenn überhaupt jemand, dann kann das vielleicht ein Fußballtorwart nachvollziehen, der 90 Minuten lang nichts zu tun hat und dann plötzlich einen Elfmeter halten muss. Außerdem steht man als Politiker permanent in einem aufreibenden Konkurrenzkampf mit seinen Kollegen: Wer wird es wohl schaffen, am meisten Aufsichtsratsmandate bei renommierten Unternehmen zu ergattern? Da wird regelmäßig mit harten Bandagen gekämpft. Eine ganz neue Taktik haben zuletzt einige EU-Kommissarinnen eingesetzt: Sie verabschiedeten kurzerhand eine Frauenquote für Aufsichtsräte und verschafften sich durch diese ebenso verblüffende wie clevere Aktion einen möglicherweise entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Alle Achtung, kann ich da nur sagen – so abgebrüht muss man erst einmal sein. Als Belohnung dafür gibt es (neben den Aufsichtsratsposten natürlich) auch einen Artikel auf Seite 62.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein freies Land mit einer freien Presse. Wenn dort eine Journalistin eine ehrfürchtig-bewundernde Biografie über den Kommandierenden der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan verfassen möchte, dann darf sie das jederzeit tun. Nun allerdings gibt es einige Aufregung in den amerikanischen Medien, weil besagte Journalistin eine Affäre mit besagtem General gehabt haben soll. Als ich davon hörte, habe ich mir das Buch natürlich sofort gekauft und war absolut begeistert: Ein intensives, aufregendes Werk mit einem Höhepunkt nach dem anderen! Besonders beeindruckend: Die eindringlichen Schilderungen nächtlicher Einsätze im heißen Wüstensand. Ich habe es mit Gewinn gelesen und empfehle Ihnen die Lektüre unseres Artikels auf Seite 30, wo wir die besten »Stellen« für Sie zusammengefasst haben. Ich dagegen gehe jetzt kalt duschen.

Mit nassen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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