Hausmitteilung 12-2010

Liebe Leserin, lieber Leser,

viele von Ihnen haben mir geschrieben, dass sie die Diskussion um Google Street View nicht verstehen, und mich daher um eine Erläuterung gebeten. Als ausgewiesener Computerexperte komme ich dem selbstverständlich gern nach. Also, es ist so: Die Firma Google, die nur virtuell im Internet existiert, möchte eine Datenbank mit Fotos von allen Häusern in Deutschland anlegen, damit man alle Häuser in Deutschland in einer Datenbank finden kann. Nun sind aber manche Häuser ein wenig empfindlich oder waren schon einmal Opfer von Stalking und möchten deshalb keine Fotos von sich im Internet haben. Diesen Häusern hat Google jetzt angeboten, sich per Brief aus der Datenbank austragen zu lassen. Das aber empfinden die betroffenen Häuser als Verhöhnung, weil sie wegen fehlender Hände gar keine Briefe schreiben können. Das sieht auch Verbraucherministerin Ilse Aigner so und ist deshalb bei Facebook ausgetreten. Sehen Sie? So kompliziert ist es doch gar nicht.

Vor kurzem hat eine Umfrage ergeben, dass sich 15 Prozent der Deutschen einen »Führer« wünschen, der das Land »mit starker Hand« regiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Anteil unter Journalisten höher ist – jedenfalls unter denen von Bild, Stern und Spiegel (dem sogenannten »Sturmgeschütz der Monarchie«), die nun schon seit geraumer Zeit die Machtergreifung des Freiherrn zu Guttenberg medial vorbereiten (siehe auch Seite 28). Allerdings denkt die derzeitige Kanzlerin überhaupt nicht an einen Rücktritt, und Guttenberg wird langsam nervös. Aus gut informierten Kreisen weiß ich, dass es vor kurzem ein geheimes Treffen mit der Bundeswehrspitze gegeben hat, die sich dabei mit knapper Mehrheit gegen einen Putsch aussprach. Kurze Zeit später war dann in der Zeitung zu lesen, dass in der Post des Kanzleramts eine Paketbombe gefunden wurde – ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Merkel jedenfalls hat die Gefahr erkannt und soll sich inzwischen ein gutes Dutzend Doubles zugelegt haben, die auch geübte Beobachter nur nach eingehender Musterung der Mundwinkel vom Original unterscheiden können. Und Guttenberg? Der will Gerüchten zufolge demnächst auf Anregung seiner Frau bei RTL II die Show »Germany’s next Chancellor« moderieren, und zwar mit ihm als einzigem Kandidaten. Es bleibt spannend.

Heutzutage ist ja alles komplizierter als früher, auch das Einkaufen. Wollte ich mir beispielsweise vor 15 Jahren ein cooles Stück Unterhaltungselektronik zulegen, so begab ich mich zunächst in einen Zeitungskiosk, las dort die einschlägige Fachpresse und notierte mir die Testsieger. Diese ließ ich dann bei der Auswahl außen vor, denn wie ich als Chefredakteur einer einflussreichen Zeitschrift aus eigener Erfahrung weiß, wird in solchen Tests grundsätzlich das Produkt ausgezeichnet, dessen Hersteller am meisten bezahlt hat. Heute dagegen gibt es neben den bekannten traditionellen Profijublern noch unzählige Amateur-Rezensenten im Internet, deren Meinung ebenfalls ausgewertet sein will. Zur Entscheidungsfindung tragen diese aber leider kaum bei, weil die Beurteilungen einfach zu widersprüchlich ausfallen: Gerade bin ich aufgrund der begeisterten Einschätzung von özilfan23 (»alles super geiles produkt kann ich nur empfehlen«) schon dabei, meine Kreditkartennummer in das Formular einzutippen, da fällt mein Blick auf die ebenso überzeugende, aber eben gerade gegensätzliche Darlegung von kartoffelpuffer85 (»funzt net der scheiss«). Nein, unbestochene Rezensenten sind auch keine Lösung, wie unser Artikel auf Seite 24 erläutert. Ich bin dazu übergegangen, interessant aussehende Produkte einfach im nächstgelegenen Media Markt mitgehen zu lassen. Bei Nichtgefallen reklamiere ich dann und lasse mir den Preis »zurückerstatten« (die Quittung habe ich natürlich »verloren«). So eliminiere ich jegliches Risiko und verdiene nebenbei auch noch etwas Geld – und zwar steuerfrei!

Mit cleveren Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

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