Liebe Leserin, lieber Leser,

gern wird in Sonntagsreden unsere unmenschliche, hyperbeschleunigte Leistungsgesellschaft beklagt. Der Beschwerdeführer kann sich dabei stets des Beifalls der Zuhörer sicher sein, die ebenfalls mehrheitlich der Meinung sind, dass uns ein wenig Innehalten und Reflexion gut tun würde. Doch dabei handelt es sich um pure Heuchelei. In der Praxis wird ein derartiges Verhalten nämlich keineswegs goutiert, wie zuletzt der Nachrichtensender Phoenix feststellen musste, als er pünktlich zu Beginn des Putschversuchs in der Türkei seine Live-Berichterstattung einstellte und den Zuschauern eine gute Nacht wünschte. Da tobte der Mob und forderte seine Rundfunkgebühren zurück! Ich dagegen beglückwünsche die Kollegen zu dieser ebenso mutigen wie vernünftigen Entscheidung – Stress ist schließlich bekanntermaßen höchst ungesund und ein Risikofaktor für allerlei Erkrankungen. Auch ich habe aus diesem Grund schon so manche Redaktionssitzung vorzeitig verlassen, um mich in meinem Büro bei einem Gläschen Rotwein und einem guten Buch etwas zu entspannen. Wenn mehr Menschen diese Mentalität hätten, wäre das Leben in diesem Land sicherlich deutlich angenehmer.

Als ich von den Plänen des Verteidigungsministeriums hörte, demnächst Flüchtlinge bei der Bundeswehr zu beschäftigen, erschien mir das sofort einleuchtend: Warum soll denn unsere ohnehin überlastete Polizei den Schutz von Asylbewerberheimen übernehmen, wenn man die Bewohner stattdessen einfach an der Waffe ausbilden kann? Die örtlichen Pegida-Aktivisten würden sich die Sache mit den Molotow-Cocktails jedenfalls noch einmal gründlich überlegen, wenn sie dabei mit Sperrfeuer aus dem Maschinengewehr rechnen müssten. Um so größer war meine Verwunderung, als ich erfuhr, dass es nur um zivile Arbeitsplätze gehen soll. Das löst doch überhaupt keine Probleme! Hat da etwa jemand in letzter Minute Angst vor der eigenen Courage bekommen? Ich hoffe jedenfalls, dass Frau von der Leyen Führungsstärke zeigt und die Sache doch noch in die richtigen Bahnen lenkt – es wäre doch schade, wenn wieder einmal eine gute Idee in der Ministerialbürokratie versacken würde. Weitere Argumente liefern wir auf Seite 28.

Ich bin, auch wenn mein Aussehen darüber hinwegtäuschen mag, nicht mehr der Jüngste. Schon seit längerem halte ich deshalb Ausschau nach einem potentiellen Nachfolger. Bislang allerdings vergeblich, denn niemand vermochte die zugegeben sehr hohen Anforderungen auch nur ansatzweise zu erfüllen. Um so mehr freue ich mich, nun mitteilen zu können, dass ich mich in fortgeschrittenen Verhandlungen mit einer Top- Kandidatin befinde. Den Namen möchte ich noch nicht bekanntgeben, solange kein Vertrag unterschrieben ist, aber so viel sei verraten: Sie kommt aus Essen, war lange in der Politik tätig und ist Volljuristin. Besonders beeindruckt hat sie mich mit ihrem Führungsstil, der dem meinen sehr nahe ist. So werden sich meine Mitarbeiter nicht umgewöhnen müssen; das war mir als verantwortungsbewusstem Vorgesetzten besonders wichtig. Die Gehaltsfrage war übrigens erfreulich schnell erledigt, da die Kandidatin aufgrund weiterlaufender Bezüge aus ihrer früheren Tätigkeit nicht so sehr auf Zahlungen unsererseits angewiesen ist. Die einzige Bedingung, die sie für ihre Zusage gestellt hat, ist die Veröffentlichung eines Artikels, der sie in einem positiven Licht darstellt. Nun, nichts leichter als das: Auf Seite 38 steht er. Ich bitte um freundliche Beachtung.

Mit freundlichen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

---Anzeige---