Liebe Leserin, lieber Leser,

in parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, so die landläufige Meinung, wird lediglich heiße Luft produziert: Die eine Seite posiert für die Presse, die andere blockiert die Ermittlungen, und am Ende behaupten beide, die eigene Position wäre bestätigt worden. Dieses Vorurteil mag auch oft zutreffen. Aber manchmal kommt es stattdessen zu Sternstunden der Demokratie, so wie jetzt durch den NSA-Untersuchungsausschuss. Der hat bekanntlich in den letzten Jahren unter anderem diverse illegale Aktivitäten des Bundesnachrichtendienstes aufgedeckt. Und was, glauben Sie, hat die Regierung mit diesen Erkenntnissen gemacht? Unter den Tisch gekehrt? Einfach ignoriert? Von wegen! Sie hat sich die Liste der Gesetzesverstöße in aller Ruhe angesehen und anschließend ein neues Gesetz verfasst, das alle verbotenen Praktiken des BND kurzerhand legalisiert. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin stolz, in einem Land zu leben, dessen Geheimdienste schon per Definition nichts Illegales tun können.

Apropos Spitzel: Die Aufforderung unseres Innenministers, verdächtige Aktivitäten im beruflichen oder familiären Umfeld an die Behörden zu melden (wir berichten auf Seite 28), hat bei mir große Freude und auch ein wenig Nostalgie ausgelöst. Seit dem Ende der DDR war ich ja auf diesem Gebiet nicht mehr so aktiv. Sicher, ich habe nach wie vor ein wachsames Auge auf die Nachbarschaft und erstatte beispielsweise regelmäßig Anzeige wegen mittäglicher Glascontainerbenutzung, aber das fühlt sich im Vergleich zu früher doch eher lahm und belanglos an. Jetzt aber, da ich von offizieller Stelle explizit zum Terroristenjagen aufgefordert wurde, ist das alte Feuer wieder erwacht. Und ich glaube, ich habe auch schon eine heiße Spur: Hier im Büro gibt es nämlich diesen Redakteur, dessen Verhalten mir schon immer etwas merkwürdig vorkam. Wann immer ich ihn sehe, sitzt er an seinem Schreibtisch und tippt auf der Tastatur herum – auf Nachfrage behauptet er dann, er würde »Texte schreiben«. Normale Mitarbeiter trifft man dagegen üblicherweise in der Küche am Kaffeeautomaten an, wo sie wichtige politische Themen besprechen (EU-Krise, Gina-Lisa usw.). Auch soll er sich Gerüchten zufolge ungewöhnlich lange in den Redaktionsräumlichkeiten aufhalten; manche behaupten gar, er wäre jeden Tag fast acht Stunden hier. Das mögen Übertreibungen sein – nachprüfen kann ich es natürlich nicht –, aber alles in allem ergibt sich schon ein beunruhigendes Gesamtbild. Allerdings bin ich etwas unschlüssig, was meine nächsten Schritte betrifft. Soll ich ihn erst noch ein wenig observieren oder gleich die GSG 9 anfordern? Was meinen Sie? Schreiben Sie mir auf Twitter!

Als ich neulich davon erfuhr, dass Heiko Maas konsequenter gegen die Mehrfachehe in Deutschland vorgehen möchte, war ich erleichtert. Endlich unternimmt jemand etwas gegen diesen Missstand! Wir leben hier schließlich im Gegensatz zu den feinen Herren Ausländern in einem Rechtsstaat, in dem – gottlob – Mann und Frau gleichgestellt sind. Ich bin da konsequent auf Seiten der Emanzipation. Meinetwegen könnten die Gesetze sogar noch verschärft werden. Warum wird nicht endlich auch verboten, dass ein Mann mehrere Ex-Frauen gleichzeitig haben darf und sie im Unterhalt unterstützen muss? Da können Sie mal drüber nachdenken, während Sie den Beitrag auf Seite 32 lesen.

Mit emanzipatorischen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

 

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