Liebe Leserin, lieber Leser,

stehen wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter des Friedens? Ich glaube ja. Vor kurzem saß ich nämlich vor meinem Computer und verfolgte fasziniert, wie der griechische Premierminister auf Twitter seinen türkischen Kollegen provozierte, worauf dieser auch gleich reagierte. Und da kam mir eine Idee: Könnte man denn nicht, anstatt immerzu diese material- und personalintensiven Kriege zu führen, die jeweiligen Staatschefs einfach in einem Internetforum aufeinander hetzen und zum Schluss den Sieger von einer unabhängigen Jury bestimmen lassen? Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass die Ukraine schnell zur Ruhe kommen könnte, wenn Wladimir Putin und, sagen wir, Angela Merkel die Chance bekämen, auf Facebook gegenseitig ihre Mütter zu beleidigen. Einen entsprechenden Vorschlag habe ich vorgestern an den UN-Generalsekretär geschickt; bis jetzt gab es noch keine Rückmeldung, aber ich rechne fest mit einem positiven Bescheid.

Ich mache den Job als Chefredakteur dieser Zeitschrift nun schon so lange, dass die meisten Leser weder eine Zeit vor mir kennen, noch sich eine solche nach mir vorstellen können. Doch ich will ehrlich sein: Zwar sehe ich natürlich auch selbst, dass ich auf dieser Position alternativlos bin, andererseits spüre ich aber auch seit längerem eine gewisse Unterforderung – die große Mehrheit meiner Talente liegt am Schreibtisch einfach brach. Aber in welche Branche sollte ich am besten wechseln? Mir wird ja regelmäßig mit anerkennendem Blick bescheinigt, ich könnte auch als Model arbeiten. Aber die Modewelt ist mir einfach zu oberflächlich, und nach den vielen Jahren in der Medienbranche habe ich gar kein Verlangen nach Kokain mehr. Ich bekomme auch immer wieder Post von Lesern, die das Fehlen eines starken Führers in Deutschland beklagen und mich geradezu anflehen, in die Politik zu gehen. Diese Idee habe ich früher immer verworfen, weil ich glaubte, dass ein starker Charakter wie ich im heutigen weichgespülten Politikbetrieb keine Chance hätte. Doch nun gibt es interessante Nachrichten aus Amerika: Dort, so hört man, schicke sich jemand an, Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei zu werden, der Beobachtern zufolge ein plumper Demagoge sein soll, laut und ordinär, dummfrech, narzisstisch, dazu noch ausländerfeindlich und allgemein ein höchst widerlicher Mensch (siehe Seite 37). Wenn man aber mit solchen Qualitäten tatsächlich reüssieren kann, wäre eine Politkarriere meinerseits vielleicht doch recht aussichtsreich. Ich werde noch einmal darüber nachdenken.

Innovative Menschen erleiden häufig Nachteile dadurch, dass sie ihrer Zeit voraus sind. Ich beispielsweise wurde vor vielen Jahren einmal wegen angeblicher Erregung öffentlichen Ärgernisses zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil ich wiederholt auf einer Damentoilette angetroffen worden war. Das zu meiner Verteidigung angeführte Argument, dass meine Anwesenheit erforderlich gewesen sei, um die Batterie in der Kamera zu wechseln, schien die Richterin dabei eher zusätzlich zu verärgern. Aber im Nachhinein sehe ich mich wieder einmal bestätigt: Heute nennt sich dieses Konzept »Unisex-Toilette« und gilt als progressiv, wie unser Artikel auf Seite 38 darlegt. Das freut mich, aber ich vermisse in der Berichterstattung über dieses Thema die Dankbarkeit gegenüber Vor- und Querdenkern wie mir, die das alles mit ihrem unermüdlichen Einsatz erst möglich gemacht haben.

Mit progressiven Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

 

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