Liebe Leserin, lieber Leser,

es gab ein wenig Aufregung um unsere Verteidigungsministerin, weil sie in ihrem offiziellen Lebenslauf einen »Aufenthalt in Stanford« aufführt, obwohl sie nie an dieser Universität eingeschrieben war, sondern sich nur hin und wieder ungefragt in einen Hörsaal gesetzt hatte. Ich finde das überhaupt nicht verwerflich – solange man nicht im engeren Sinne lügt, sind kleine Aufschneidereien doch völlig legitim. Ich selbst erwähne gegenüber staunenden Partybekanntschaften auch gern mein Studium in Harvard. Dass es sich strenggenommen um die Eckkneipe »Havard’s« handelt, in der ich während eines Norwegen-Urlaubs mehrere Abende lang intensiv die Getränkekarte studierte, muss ich ja niemandem auf die Nase binden, oder?

Parlamentarier ist kein leichter Beruf: Ständig muss man Entscheidungen treffen, die tiefere Kenntnisse auf allen möglichen Gebieten voraussetzen, z.B. Ökonomie, Atomphysik oder immer wieder dieses Computerzeug. Dabei hat man doch damals den Eltern zuliebe Jura studiert! Also was tun? Ist man neu im Parlament und hat kein Direktmandat, gestaltet sich die Angelegenheit einfach: Das Thema ignorieren, pünktlich zur Abstimmung kommen, immer schön nach vorn schauen und schließlich die Hand im gleichen Moment heben wie der Fraktionsvorsitzende. Die restliche Zeit sollte man mit Netzwerken verbringen. Ist man dagegen schon länger dabei, mag die eigene Meinung unter Umständen relevant sein. Nun wird es kompliziert: Man könnte sich selbst zum jeweiligen Thema informieren, etwa mit Hilfe von Fachliteratur. Aber das ist mühsam und man weiß vorher nicht, ob die auf Sachkenntnis basierende Meinung kompatibel mit der Parteilinie sein wird. Hier kommt der Lobbyist ins Spiel. Er versorgt den Abgeordneten mit sorgfältig aufbereiteten Informationen, die garantiert immer hervorragend zu dessen sonstigen Ansichten passen. Für diese Tätigkeit wird er von umsatzstarken Firmen bezahlt, was ihm Seriosität verleiht. Zudem ist er bescheiden und neigt nicht zu öffentlichen Auftritten. Wie wichtig hauptberufliche Lobbyisten für unsere Demokratie sind und warum sie nach dem Willen des Bundestags auch weiterhin anonym bleiben sollen, erklärt unser Artikel auf Seite 48.

Vor ein paar Wochen fand ich auf meinem Redaktionsschreibtisch ein Buch vor, das jemand offenbar heimlich dort abgelegt hatte. Es beschäftigte sich mit sogenannter »moderner Mitarbeiterführung« und stellte einige Thesen auf, die mir ziemlich weit hergeholt, wenn nicht gar völlig abstrus erschienen. So soll man – als Chef wohlgemerkt! – seinen Mitarbeitern angeblich »Vertrauen« oder gar »Respekt« entgegenbringen und Streitpunkte »diskutieren«, anstatt auf widerspenstigen Angestellten seine Zigaretten auszudrücken, wie ich es seit Jahrzehnten mit Erfolg praktiziere. Das Machwerk wanderte in den Papierkorb, aber es ließ mir keine Ruhe mehr: Was, wenn die Autoren entgegen aller Wahrscheinlichkeit recht hätten und sich Gewaltfreiheit tatsächlich positiv auf die Produktivität auswirken würde? So entschloss ich mich, die Sache einfach mal für ein paar Tage auszuprobieren. Natürlich hat das Experiment nichts gebracht und ist inzwischen auch schon wieder beendet, aber es rettete immerhin einem Redakteur das Leben. Als dieser nämlich in der Redaktionssitzung vorschlug, das Thema »Aus Krebsen kann man jetzt Wurst machen« ins Heft zu nehmen, da schrie ich nur: »Wir sind doch keine Kochzeitschrift, Sie Idiot!«, anstatt ihn durch das geschlossene Fenster zu werfen. So aber klärte sich das Missverständnis recht schnell auf: Ich war wohl noch ein wenig müde gewesen und hatte mich verhört; in Wirklichkeit ging es darum, dass Wurst neuerdings Krebs verursachen soll. Nun gut, mir kann das egal sein, ich esse sowieso nur rohes Fleisch. Für alle anderen behandeln wir das Thema auf Seite 42.

Mit wurstigen Grüßen

xxx
Chefredakteur

 

 

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