Erschlage mal einer den Holzmichl! – aus Heft 8/2012

Die antisemitische Hitparade

Stets im Sommer zieht es Menschen zu Open-Air-Events. Dort suchen sie die Begegnung mit musizierenden Kleinkollektiven, sogenannten Bands. Eine davon sind De Randfichten. Ihr wild zusammengenagelter Veranstaltungsort liegt zwischen den Greifensteinen, tief in Sachsen und noch tiefer im Erzgebirge. Thomas Behlert wollte die Herbert-Roth-Preisträger von 2000 endlich kennenlernen und begab sich eines unschuldigen Samstags zum »Fantreffen der Randfichten «. Hier sein Telex.

Gleich hinter der sächsischen Landesgrenze erwarteten mich finster dreinblickende Polizisten, deren Gesichter sich aber aufhellten, als sie erfuhren, dass ich ihre Lieblingskapelle aufsuchen wollte. Nachdem ich eine ganze Weile mit ihnen über die singenden Hitbrigaden unseres schönen Landes gefachsimpelt hatte, durfte ich nach einer teuren Reiseversicherung (zahlbar sofort) die Fahrt über die verschlungenen Straßen, die sich von Schlagloch zu Schlagloch hangelten, fortsetzen. Doch das verdross mich nicht, wusste ich doch aus dem Munde der Fan-Polizisten, dass nichts an De Randfichten heranreicht – weder der zottlige Pistenjäger Hansi Hinterlader, schon gar nicht die Latriner, die Kastelruther Bratzen und nie und nimmer die Unzucht Buam.

Ach, wie freuten sich die Erzgebirgler über den einfliegenden Gast! Viele Ureinwohner säumten meinen Weg. Man hatte sich für dieses jährlich stattfindende Jahrhundertereignis, das sich diesmal zum 20. Mal wiederholen sollte, fein gemacht. Die Frauen, gehüllt in Nylon schürzen, hielten einen Topf mit grünem Etwas, das wie eine Speise aussah, in die Höhe, und die männlichen Vertreter grinsten selig und winkten freundlich mit riesigen Holzäxten. Gartenzwerge und wuchernde Forsythienbüsche säumten die Schmiedezäune. Je näher ich dem Festplatz kam, desto mehr Menschen sah ich, die ihre Hände gen Himmel warfen und gar jämmerlich quiekten: »Ja, er lebt noch!« Das verwunderte mich gar sehr.

Alles begann zwei Jahre nach der Vereinnahmung des Kessel Buntes aus der DDR durch den Musikantenstadl. Zwei schmächtige Burschen, die in jungen Jahren bereits ein lustiges Hütchen auf die Frisur getackert bekamen, zogen mit Ziehharmonika bewaffnet durch Johanngeorgenstadt und stellten musizierend ihre eigens kreierte Sockenmode vor: rote dicke Strümpfe mit Bommeln hinnedran. Sie legten sich einen reichhaltigen Wortschatz zu, aus dem sie später Texte kneteten. Die Schlagwörter aufgewurzelt, Crottendorf, Harz, Holzmichl, MDR, Räucherkerzen, Schmalspurbahn, Fuchs und Hase können Rups und Michi, so die Kosenamen der Urväter der Original Arzgebirgischen Randfichten, noch heute ohne nachzudenken herunterleiern und im Schlaf zu allerliebsten Reimverbrechen umformen.

Der MDR, der Kampfsender aller Gestrauchelten und nie Gestreichelten, wurde schnell auf die zwei Waldbewohner aufmerksam. Als während der Dreharbeiten für eine Sendung mit dem ostdeutschen Vokalisten Achim Mentzel eine wetterbedingte Pause eintrat (der Himmel hatte sich verdüstert), durften De Randfichten (mittlerweile im Trio) zur Gaudi des MDR-Schöpferkollektivs singen. Das war der Durchbruch – eine Maskenbildnerin weinte, eine Redakteurin schrie »Ich könnt’ euch küssen!«, und Mentzel hüpfte wie Rumpelstilzchen. So nahm der Wahnsinn Formen an. »Die Rafis«, wie die Musiker von ihrer stetig anwachsenden Fangemeinde liebevoll genannt werden, traten über 300-mal in niveauvollen Sendungen des mitteldeutschen Staatsfernsehens auf und schufen, fleißig wie die Sägewerker, Album auf Album.

Als nun alle Baumärkte, Kioske und Wanderhütten eröffnet waren und die Lieder Do pfeift dr Fuchs, Drham is drham und Griene Klöß mit Schwammerln zwar zu Volksgut, aber nicht zu Welthits geworden waren, gingen De Randfichten in Klausur, d.h. sie verzogen sich in die dunkelsten Tiefen eines monokulturellen Nadelwaldes. Dort trafen sie beim Zapfensammeln den alten Holzmichl und sagten einander bass erstaunt: Was, der lebt noch? Und schon war ein Lied, ach was! – die Hymne des Erzgebirges geboren. Mit Dr Holzmichl jodelte sich das ewig grinsende Trio durch sämtliche Hitparaden, sang die Pickelpopper bei der Jugendveranstaltung The Dome an die Wand und trieb die RTLSendung Top Of The Pops ganz schnell an den Waldrand des Ruins.

Es regnete all die Horrorpreise, die sich kein Musiker wünscht, aber aus Gier dann doch annimmt: den ostdeutschen Gammelfleischpreis Goldene Henne, das verchromte Stückchen Draht Goldene Stimmgabel und den bei einer Hackfressenfirma abgeschauten Preis Krone der Volksmusik.

Und seitdem singt so ziemlich jedes erwachsene, zumeist männliche ostdeutsche Individuum – ob besoffen am Ballermann, nicht nüchtern in St. Moritz oder ordentlich angetrunken an der Ostsee – den Gassenhauer über einen moribunden alten Holzdieb und reißt dabei die Hände zum Himmel.

Nun schreckten De Randfichten vor nichts mehr zurück. Sie traten mit Mario Barth auf und trällerten für den MDR das Heilig-Obnd-Lied, das 90 Minuten lang ist und 156 immer gleiche Strophen hat. Noch während der Ausstrahlung stieg die Selbstmordrate bei alten und pflegebedürftigen Menschen, die keine Macht über die Fernbedienungen mehr ausüben konnten, rasant an. Kurz vor dem Burn-out nahmen sich die drei Räuchermännl für einige Monate aus dem Rennen, um sich anschließend noch brünstiger ihren Hauptthemen Holz, Grill, Wurscht usw. zu widmen.

Tief die würzige, feuchtfichtige Heimatluft einatmend, stehen De Randfichten auf der Bühne. Man spürt: Nicht in Hollywood (dt. Stechpalmenwald), in Holzminden, in Waldheim, Waldesruh oder in Honeckers Waldsiedlung – nein, hier ist ihr Zuhaus, bei ihren Fans, den zahlreichen Waldschraten, Kräuterhexen und Köhlerliesls, von denen nicht wenige in eigentümliche Trachten gewandet sind. Sie singen über Laadergack, Spackfettbemm und Scheuerhader, auch ihre Kinder arbeiten mit, wie das im Erzgebirge Tradition ist. Im 20. Jahr ihrer Existenz sind De Randfichten auf dem Gipfel ihres Daseins angelangt. Das Grauen kommt in Gestalt des Uraltpuhdys Meyer, der einen bekloppten Holzmichl mimt. Aber rasch folgen die sozialkritischen Ohrwürmer Se würd su gern in dr Haamit bleibn und Steig ei, mir fahrn in de Tschechei.

Nach der ewigen Zugabe Dr Holzmichl (Achtung: Eingetragenes Markenzeichen) rettete mich der Rückzug durch den dunklen Wald davor, selbst ein Fichtengnom zwischen all dem Wurzelwerk, Moos und Moor zu werden.
Oh, Arzgebirg wie bist du schie … weit weg.

 

Text: Thomas Behlert
Zeichnung: Mock

 

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