Die Lady Gaga unter den Fusselrollenbesitzerinnen – aus Heft 7/2012

Annette SchavanWenn Annette Schavan abends das Ministerium für Bildung und Forschung verlässt, dann kann es vorkommen, dass sie wie Knäckebrot krümelt. Kleine selbstgerechte Teilchen fallen von ihr ab und ordnen sich hinter ihrem Rücken in braven Zweierreihen. Die Bildungsministerin selbst lächelt dazu milde in ihren Hosenanzug und plant den kommenden Tag: Büroklammern sortieren, Briefe vorfalzen und mit viel Geduld die Bläschen aus der Luftpolsterfolie drücken. Jede Partei braucht solch eine gewissenhafte Persönlichkeit: Nur langweilig und dröge, das wird Annette Schavan dabei nie.

Betritt sie ihren Arbeitsplatz, dann geht die Sonne auf hinter einem Schleier aus Grau. Das kalkige Wasser in den Hähnen der Ministeriumstoiletten wird basisch, und den Staatssekretären gehen die Herzen in ihren Cholesterinspiegeln auf. All diese positiven Reaktionen, diese Eruptionen der Gleichgültigkeit, kann Annette Schavan hervorrufen. Dabei hatte es die Josephine Baker der Christdemokratie nie leicht unter Angela Merkel. Jener Regierungschefin, die dafür bekannt ist, schillernde Persönlichkeiten jeglicher Couleur und Annette Schavan um sich zu scharen. Von Natur aus mit einem Charme ausgestattet, der an Haarspliss über Kratzpullovern erinnert, musste sich Annette, wie sie von einigen wenigen Freunden nicht genannt werden will, ihr Image, ihre magische Aura, ihr gesamtes Portfolio an Einzigartigkeit unter den Popstars der Politik hart erarbeiten.

Geholfen hat ihr dabei sicherlich ihre Arbeit im sagenumwobensten Ministerium der Bundesrepublik, demjenigen für Bildung und Forschung. Niemand weiß, was genau im BMBF geschieht. Gerüchte besagen, dass hinter den Kulissen ein verbeamtetes Zwergenvolk eine Fabrik betreibt, die Informationsbroschüren zu unter schiedlichen Themen herstellt: Auslandssemester, frühkindliche Förderung und frühkindliche Auslandssemester. All das findet man auf den Zetteln wieder, die von den eilfertigen Gnomen in den sogenannten Buchstabenfluss getunkt werden. »Humpa, lumpa, humpa da daan, wir machen Flyer für Annette Schavan«, singen die kleinen Wesen während ihrer Arbeit.

Ob die Ministerin die Wichtelmänner in die Hoden beißt oder wenigstens am Schlüpfergummi im Wandschrank aufhängt, wenn sie ihre Kompetenzen überschreiten? Man darf es bei der Dame Edna der Nachhaltigkeitspolitik für sehr wahrscheinlich halten. Denn Schavan lebt die Maxime »Bildung ist Ländersache« mit vollem Herzen. Einzige Befugnis des Bundes in der Bildungspolitik ist es, sich ein entsprechendes Ministerium zu halten. Das ist der Lady Gaga unter den Fusselrollenbesitzerinnen stets bewusst. Denn das nach außen hin graue Mäuschen mit der Unschuldsmiene, das den Papierlocher immer griffbereit trägt, war trotz seines Theologiestudiums und ausgewachsenen Katholenfimmels schon unter dem leibhaftigen Erwin Teufel Bildungsministerin.

Da waren die Umstände andere, und sie konnte noch draufgängerische Bildungspolitik betreiben: Berufsverbote für Lehrer, die in der Antifa waren, und Berufsverbote für Lehrerinnen, die Kopftücher trugen, sorgten für ein ausgewogenes Maß an Berufsverboten in der baden-württembergischen Berufsverbots... Quatsch, Bildungspolitik. Hätte ihr damals irgend so ein Fuzzi auf der Bundesebene reingeredet, dann hätte sie es ihm aber gezeigt. So jemand hätte in Baden-Württemberg jedenfalls nie wieder als Lehrer arbeiten können.

Aus diesen Erfahrungen heraus hält sich Schavan im derzeitigen Amt vornehm zurück. Einzige Ausnahme: Das »Wissenschaftsjahr Zukunftsprojekt Erde«, welches vom Ministerium ausgerufen wurde und »das originellste Wildbienenhotel« sucht. Ganz egal, »ob klein und grau, groß und bunt, ob aus Schilfhalmen oder Gasbetonsteinen gebaut – lassen Sie Ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf und machen Sie mit!« Die andere einzige Ausnahme ist der Neubau des Bildungsministeriums in Berlin. Dieses Projekt besitzt so hohe Strahlkraft, dass selbst Annette Schavan, die Biene Maja der Großbauprojekte, neben dem Entwurf wie eine langweilige Mutti mit einer Helmfrisur aussieht. Darum zieht sie dort auch gar nicht selbst ein und bleibt lieber in den Bonner Gebäuden.

Das neue Haus soll Maßstäbe setzen. Nicht nur wird es als erstes Ministerium in einem Verbund aus »öffentlicher Hand und Privatwirtschaft« errichtet, es besticht zudem durch seine waghalsige Architektur. Diese verbindet moderne quadratische Formen mit einer kühnen Gesamtkonzeption der Rechteckigkeit. Beton und Glas eckigen das Bild atemberaubender Nüchternheit ab und bestechen durch verwegenen Funktionalismus in der Tradition der späten Containerbauweise. In anderen Worten: Es ist ein Bau, der der Frida Kahlo des gemäßigten Pausenbrotes um den Bauch gezimmert wurde.

Es nimmt nicht wunder, dass die Mutter Teresa der Skandalnudelei nicht frei von Verfehlungen ist. Nicht nur lässt sie zeitweilig die Kresse auf der Fensterbank ihrer Küche fahrlässig dursten, nein, auch die Usambaraveilchen lassen manchmal die Köpfe hängen. Zu aller Verrücktheit kommt ihre Nachlässigkeit, die sie in ihrer Doktorarbeit walten ließ. Da konnten ihr zwar keine direkten Plagiate, wohl aber die ein oder andere Ungenauigkeit nachgewiesen werden. Sie treibt es also nie zu weit. Und als wäre das nicht Sicherheit genug, hat die Helene Hegemann des Kleinmuts noch vier Ehrendoktortitel in petto, ein weiterer der Uni Kiel steht in Aussicht, und ein anderer liegt wahrscheinlich noch im Handschuhfach ihres Zweitwagens.

Und wenn diese umtriebige, kunterbunte Frau, die Inge Meysel des Zeitmanagements, noch eine freie Minute unter all ihren freien Minuten findet, dann kommt sie ganz frank und frei ihrer Honorarprofessur an der (na, klar) Freien Universität Berlin nach. Einer Einrichtung, die allein schon durch diesen Umstand sicherlich ein paar Bonuspunkte in Schavans exzellenter Exzellenzinitiative unter den Universitäten erhaschen kann. Die Königin-Mutter unter ihren Exzellenzen wird es mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen.

Andreas Koristka
Zeichnung: Frank Hoppmann

 

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