Wo der Hund begraben liegt – aus Heft 7/2012

WARUM?Am Vormittag des 24. Mai seilten sich Elitepolizisten der GSG 9 von einem Helikopter ab und stürmten das Anwesen des Hells-Angels-Chefs Frank Hanebüchen unter dem Vorwand, dieser sei in krumme Geschäfte verstrickt und habe einen türkischen Türsteher zuerst foltern und dann einbetonieren und dann noch mal foltern und noch mal einbetonieren lassen. Die vermummte Kommandoeinheit führte sich während der Razzia auf wie die Vandalen, demolierte das Garagentor, verwüstete die Terrasse, knickte frisch geknospte Tulpen um und erschoss dann Hündin Leila. Warum das Tier sterben musste, ist noch immer unklar. Besonders besorgniserregend: Es ist nicht das erste Mal, dass unschuldige Haustiere in die Schusslinie des undurchsichtigen Killertrupps laufen.

Totgeschossen! So lag sie da, auf dem kalten Terrassenboden, wo sie unlängst noch ihrem Übermut auf vier Beinen freien Lauf gelassen hat. Ihr schneeweißes Fell, das es an Flauschigkeit mit jeder Angorakatze hatte aufnehmen können, war durchlöchert wie ein von Motten zerfressener Wintermantel. Aus ihren hängenden Lefzen rann trauriger Sabber, den sie einst in den Räumen und anderer Leute Gesichter zu verteilen liebte. Schäferhündin Leila war der Sonnenschein in Hannovers gutbürgerlichem Rockernobelviertel. Nachbarn beschreiben sie als lebensbejahenden Köter, der selbst dann nichts von seiner Fröhlichkeit einbüßte, als er die Würmer hatte.

Leila ist tot. Totgeschossen mit gerade mal sechs Monaten. Sie war doch noch ein Welpe! Das ganze Leben stand ihr bevor, ihr erster Maulkorb, ihre erste Liebe, ihre erste Kastration. Das Bild der getöteten Hündin macht betroffen, Trauer mischt sich mit belustigter Gleichgültigkeit. Das Sinnlose der Tat lässt Zweifel am deutschen Rechtsstaat aufkommen. Ist es denn wirklich schon wieder so weit, dass sich Haustiere in diesem Land nicht mehr frei bewegen können?

Das verwitwete Herrchen Hanebüchen sitzt verzagt auf seiner Hollywoodschaukel. An seinem 9000-Quadratmeter-Anwesen findet er keine Freude mehr, seit Leila weg ist. Er stellt sich die fünf berühmten W-Fragen: Warum? Warum? Warum? Warum? Warum?

Die Erinnerungen an jenen Donnerstagvormittag, als die GSG 9 aus heiterem Himmel in seinen Garten einfiel, schmerzen mehr denn je. Hanebüchen hatte noch versucht, seine Hündin vor den auf sie gerichteten Maschinenpistolen in Sicherheit zu bringen, klemmte drei Polizisten in den Schwitzkasten, legte einen Vierten per Blumentopfwurf flach und biss einen Weiteren in die Wade. Indes hüpfte Leila in ihrer naiven Verspieltheit auf die Beamten los, nicht ahnend, dass sich hinter den vermeintlichen Spielkameraden ihre Totmacher verbargen, und wedelte sich direkt ins Unglück. »Sie will nur spielen!«, hatte Hanebüchen noch gerufen. Wenige Sekunden später hatte der Trupp seine Magazine komplett leer geballert und Leila glich einem Schweizer Käse mit vier Pfoten. Für Hanebüchen steht fest: Das war kaltblütiger Mord.

Die Bundespolizei sieht das etwas differenzierter. Dort heißt es, die Einsatzkräfte hätten sich streng an die Spielregeln gehalten, also zunächst ordnungsgemäß vierzehn Warnschüsse auf das Tier abgegeben. Erst als die Hündin dann immer noch gewinselt habe, sei das Feuer eröffnet worden. Die GSG 9 habe aus Notwehr gehandelt und dem Rockerboss im Übrigen bereits ihr Beileid ausgesprochen. Von dem Blumenkranz, den die Revolverhelden nach einer weiteren Abseilaktion vor der Hundehütte niedergelegt haben (der Trauerflor trug die Aufschrift »Halt die Ohren steif, Leila!«), wird die Schäferhündin freilich auch nicht wieder lebendig.

Für Hanebüchen ist es bereits das dritte Haustier binnen weniger Monate, das die Ordnungshüter auf dem Gewissen haben. Man fragt sich: Wie viel Leid kann ein Zwei-Meter-Mann ertragen? Im vergangenen Herbst waren seine beiden lustigen Doggen ausgebüxt. Die Kinder liebten sie, und sie hatten Kinder zum Fressen gern. Als die auf der Straße herumtollenden Hunde schließlich auch eine wehleidige Rentnerin und eine hysterische Mutter nebst nicht vorschriftsmäßig gesichertem Kinderwagen an ihrem Spieltrieb teilhaben ließen, fielen plötzlich die tödlichen Schüsse.

Die Umstände der Tat sind höchst mysteriös. Offiziell soll ein einfacher Polizeibeamter die Situation falsch eingeschätzt und geschossen haben. Die Einschusslöcher widersprechen allerdings der These vom verwirrten Einzeltäter. Ganz offensichtlich sind die harmlosen Tiere aus allen Himmelsrichtungen unter Beschuss genommen worden. Wer aber wäre zu solch einem logistischen Aufwand in der Lage – außer der GSG 9?

Man spricht nicht gern darüber, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass bei den geheimen Einsätzen Haustiere einen besonders hohen Blutzoll zahlen. Unabhängige Statistiken von Peta belegen, dass im Kugelhagel der GSG 9 bereits mehr Viecher niedergemäht wurden als in den beiden Weltkriegen. Gelynchte Gänse, harpunierte Hamster, erwürgte Echsen, frittierte Frettchen pflastern den Weg von Deutschlands Killerkommando Nummer eins.

Was kaum einer weiß: Sogar die Sternstunde der Elitepolizisten wurde von einem tierischen Zwischenfall begleitet, der bis heute Rätsel aufgibt. Am 18. Oktober 1977 drang eine Spezialeinheit in die entführte »Landshut« und befreite in einer sagenhaften Rettungsaktion sämtliche Geiseln. So weit, so gut. Dass sich bei der anschließenden Sause auf dem Flughafen von Mogadischu aber eine Kugel in den süßen Hinterkopf des Pudels von Hans-Jürgen Wischnewski verirrte, wurde sorgsam unter den Teppich gekehrt. So sehr er persönlich darunter auch litt, wollte der Staatsminister doch kein großes Aufheben um den Vorfall machen, schließlich stand das Ansehen der GSG 9 auf dem Spiel. Wer war der Schütze? In wessen Auftrag hat er gehandelt? Und was wusste der legendäre Kommandeur Wegener (der privat übrigens nie ein Haustier besaß, noch nicht einmal ein Aquarium!)? Wir werden es wohl nie erfahren.

Was verbirgt sich hinter dieser ungewöhnlich hohen Tiermordrate bei der GSG 9? Handelt es sich um bloße Kollateralschäden, eine dunkle Strategie oder einen perversen Fetisch? Vieles deutet darauf hin, dass Deutschlands Vorzeigebullen ein Problem mit Haustieren haben. Diese Wahrheit muss endlich ausgesprochen werden. Wir müssen den Finger in die Einschusswunde legen, auch wenn es weit mehr Wunden als Finger gibt. Das sind wir Leila, Waldi und Co. schuldig. Warum, fragt sich Frank Hanebüchen, warum nur haben sie gleich schießen müssen? Ein Hund lässt sich doch auch auf andere Weise außer Gefecht setzen. Man hätte ihm die Schnauze versiegeln, ihn zusammenknüppeln oder mit Säure übergießen können, jammert der Rocker, aber sie mussten ja gleich die Wumme ziehen.

Philipp Hermann

 

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