Geh da nicht hin, Andrés! – aus Heft 6/2012

Den richtigen Umgang mit einem Land wie der Ukraine zu finden ist schwer. Dass dort unerträgliche Zustände herrschen, bestreitet niemand: Viele Leute sitzen in Unfreiheit in den Gefängnissen, aufgrund einer Änderung der Verfassung müssen alle Einwohner den ganzen Tag lang Schaschlik essen, und nachts wird es dunkel. Solcherlei Missstände anzuprangern ist seit jeher Aufgabe deutscher Fußballspieler. Sie betreten den Rasen auf dem Gebiet einer Nation erst dann, wenn auch der letzte in diesem Land im Gefängnis sitzende Querulant von Nationalmannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt am Sprunggelenk operiert und fit gespritzt wurde.

Das ist vorbildlich. Doch wo hört die Einmischung in innere Angelegenheiten auf, und wo fängt die Schädigung deutscher Handelsinteressen an? Es ist ein schmaler Grat. Genügt es zum Beispiel, sich Julija Timoschenkos Frisur auf die Wade zu tätowieren, um bereits nach der Vorrunde zurück nach Deutschland zu fliegen und die Ukrainer wieder ihrem Schicksal zu überlassen? Sicherlich kann das nicht die Lösung sein. Genauso wenig aber darf die EM – alleine schon aus Rücksicht auf die Polen und die Sponsoren – komplett ins Wasser fallen. Sinnvoll wäre daher der gezielte Boykott, durchgeführt durch einige ausgewählte Staaten wie beispielsweise die Niederlande und Spanien. Eventuell genügt es auch schon, wenn Spieler wie Arjen Robben, Andrej Arschawin und Andrés Iniesta mit ihrem Fernbleiben ein Zeichen setzen.

Doch nicht nur die Sportler können einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Jeder kann etwas tun, um die Situation in der Ukraine zu verbessern. Mit Briefen, E-Mails und Drohanrufen mit osteuropäischem Akzent kann jeder aufrechte Demokrat versuchen, Andrés Iniesta von der Sinnhaftigkeit eines EM-Boykotts zu überzeugen. Ein anämischer Hänfling wie Iniesta dürfte handfesten »Argumenten« gegenüber offen sein. (Postalisch: Dn Andrés Iniesta, Calle Andrés Iniesta N° 1, 02260 Fuentealbilla, Español. Per Mail: info@andresiniesta.es bzw. auf www.facebook. com/andresiniesta. Telefonisch: 0034 934963600 – nach El Cerebro fragen!)

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Boykotte durchaus etwas bewirken können. Als sich 1980 unter anderem die USA und die BRD entschlossen, den Olympischen Spielen in Moskau fernzubleiben, war der Erfolg auf Seiten der Sowjetunion und der DDR im Medaillenspiegel unübersehbar. Doch ein Erfolg für die Amerikaner ließ nicht lange auf sich warten, als die Russen und 18 weitere Ostblockstaaten vier Jahre später die Spiele in Los Angeles boykottierten. – Wieso sollte ein Streik der Holländer und Spanier diesmal nicht ähnlich positive Wirkung zeigen? Auch für die Ukraine, sofern deren Gruppengegner England und Frankreich ebenfalls zu Hause bleiben.

Manch einer hat radikalere Vorschläge. Während der aktuellen Boykottsondierungen wurde zwischenzeitlich gar erwogen, die EM ganz von der Ukraine nach Deutschland zu verlagern. Eine Maßnahme, die die Situation massiv verbessert hätte, so ein Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes.

Wie viel ein Totalboykott bewirken kann, wurde vor Kurzem erst wieder deutlich, als der Weltverband der Trampolinturner auf Nachfrage bestätigte, dass eine WM im Iran in nächster Zeit nicht geplant sei. Das hat dem Regime in Teheran mächtig zu denken gegeben.

In erster Linie müssen natürlich die Sportler selbst entscheiden, und nicht immer sind sie zu einem Boykott bereit. Als beispielsweise die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in einem Land stattfand, in dem ein ehemaliger Regierungschef seine Position ausnutzte, um private Geschäfte mit russischen Ölkonzernen zu machen, in einem Land, wo die nachfolgende Regierungschefin in ihrem modernen Staatspalast Geburtstagsfeiern für Bankmanager ausrichtete, und in dem noch wenige Wochen vor dem Beginn der WM bei Demonstrationen am 1. Mai in verschiedenen Städten mehrere hundert Oppositionelle festgenommen wurden – da dachte niemand an einen Boykott!

Mit viel Propaganda in den Medien und mit Jubelfeiern wurde damals das Volk während der sportlichen Großveranstaltung abgelenkt von einer weitgehenden Änderung der Verfassung und der bis dato größten Steuererhöhung in der Geschichte des Staates. Und auch damals schon ignorierte Andrés Iniesta kaltschnäuzig die humanitäre Situation des Gastgeberlandes!

Wird also Andrés Iniesta diesmal das moralisch Richtige tun? – Es liegt in den Händen von Menschen wie Dirk Kuijt, Karim Benzema, Cristiano Ronaldo und eben nicht zuletzt Andrés Iniesta, diese Europameisterschaft zu einem Erfolg für die Menschenrechte zu machen. Denn ein Erfolg für Deutschland ist immer auch ein Erfolg für die Menschenrechte.

Und damit es nicht wieder heißt, die Journalisten würden selbst nichts zur Verbesserung beitragen, soll an dieser Stelle mit gutem Beispiel vorangegangen werden. Natürlich kann ein solcher Beitrag nicht in einem EM-Boykott liegen, das wäre verlogen, denn wie immer hat Jogi Löw vergessen, mich zu nominieren.

Mein persönlicher Einwand gegen das Unrechtsregime von Kiew kommt deshalb subtiler, aber nicht weniger wirkungsvoll daher: Der Rest dieser Seite möge weiß bleiben (oder mit einer Anzeige aufgefüllt werden) aus Protest gegen die Verletzungen der Menschenrechte in der Ukraine. Nimm das, Janukowitsch!

Gregor Füller

 

 

 

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